„...sehr fleißig und im Verhalten vollkommen.“ Zur Ausstellung „Klimts Lehrer“ im Wiener MAK.

Aktualisiert: 13. Jan.

Wien um 1900. Die Zeit als die Stadt ihren bis dahin schnellsten und stärksten Puls verspürte und die hereinbrechende Moderne so manche von „Gott und Kaiser“ eingerichtete Gewissheit über den Haufen warf. Kaum einen Namen verbindet man international so sehr mit dieser Zeit wie: Gustav Klimt. Und Klimt ist in Wien wirklich nahezu unvermeidlich: Postkarten, Poster, Kaffeehäferl, Ausstellungen.... Derer gibt es natürlich genug und wenig ist da so abgewetzt wie das Thema Klimt. Umso mehr überrascht es, dass nun mit einer Ausstellung im Museum für angewandte Kunst (MAK) die ganze Sache von einer Seite aufgegriffen wird, die offenbar allen „Experten“ und Klimt-Profiteuren der letzten 100 Jahre entging: die Lehrer Klimts und welche Einflüsse es waren, unter denen sich die Kunstikone der Wiener Moderne formte.


Die Revolution von 1848 blieb auf halbem Weg stehen, ihre Ziele wurden erstickt durch „Gott, Kaiser und Vaterland“. Lange hielt die alte Macht die neuen Entwicklungen mit aller Gewalt zurück. Doch zum Ende des 19. Jahrhunderts gab es, wenn auch mit großer Verspätung, kein Halten mehr. Neue Produktionsverhältnisse brachen durch, kapitalistische Verhältnisse galoppierte nur so dahin und der Süden Wiens wurde zum am stärksten industrialisierten Gebiet des europäischen Kontinents. Die alten Verhältnisse wurden in wirtschaftlichen Belangen vollständig umgeworfen, kein Wunder, dass dem auch ein Umbruch in den intellektuellen Vorstellungen folgte. Die bisherige „große Kunst“, wesentlich repräsentiert durch Hans Makart, drückte noch die alten Verhältnisse aus, fand nur noch bei den alten gesellschaftlichen Eliten Anklang und hatte auch damit zu kämpfen, dass viele ihrer besten Vertreter verstarben. In der 1868 eröffneten Kunstgewerbeschule verstand man die Zeichen der Zeit. Ihr Repräsentant Rudolf Eitelberger vertrat ein neues Kunstverständnis, das der neuen Epoche und damit den neuen gesellschaftlichen Verhältnissen entsprach. Eitelberger verachtete die bis dahin vorherrschende sogenannte „Salonmalerei“ und vertrat eine moderne Kunstauffassung. Er wollte in seiner Schule eine Lehre fördern, die eine Vereinigung der angewandten gewerblichen Kunst, des Kunsthandwerks, der Architektur, Skulptur und der Malerei zum Ziel hatte. Das war eine neue, revolutionäre Auffassung und verfolgte das Ideal des Gesamtkunstwerks, das verschiedene Künste auf gleichem Niveau miteinander vereinigen sollte und sich mit ihnen intensiv auseinandersetzte. Diese Auffassung entsprach dem neuen Lebensverständnis der Epoche und war Ausdruck der gesellschaftlichen Umwälzungen, der alles durchdringenden kapitalistischen Produktionsweise, der Zerschmetterung feudaler Verhältnisse und kleinteilig-isolierter Wirtschaften. Nicht umsonst knüpften viel spätere, eine noch höhere gesellschaftliche Entwicklung repräsentierende Kunstauffassungen, wie beispielsweise der sozialistische Realismus, an dieses moderne Kunstverständnis an und nahmen es zu Ausgangspunkt weiterer Entwicklungen.


In diese dynamischen Verhältnisse an der Wiener Kunstgewerbeschule wurde 1876 ein junger Mann (wie auch seine zwei Brüder) geworfen. Er kam aus sehr armen Verhältnissen und sollte sieben Jahre an der Schule bleiben. Schnell war klar, dass der junge Mann, Gustav Klimt sein Name, enormes Talent besaß und sein Stipendium (anders hätten sich weder er noch seine Brüder das Studium leisten können) völlig zu Recht erhielt. Seine Lehrer waren geradezu verzückt und stellten ihm nur die besten Zeugnisse aus, in welchen ihm bescheinigt wurde, dass er „im Studium sehr fleißig“ und in seinem Verhalten geradezu „vollkommen“ sei. Dennoch war Klimt kein Streber. Er verband seinen enormen Wissensdurst mit Kreativität und Intelligenz in der Anwendung des Gelernten und wusste sehr gut, wozu er einen Kopf auf seinen Schultern trug. Die Ausstellung „Klimts Lehrer“ zeigt rund 200 Objekte, wovon ungefähr 80 noch nie öffentlich gezeigt wurden. Rund 20 der gezeigten Objekte stammen von Klimt selbst, die anderen von seinen Lehrern. Damit wird deutlich, dass Gustav Klimt es ausgezeichnet verstand, sich von seinen Lehrern jeweils das Beste anzueignen um es in seinem eigenen Werk in Synthese zu bringen. Die Ausstellung zeigt hervorragend die Einflüsse welche auf Klimt wirkten und erklärt den Besucherinnen und Besuchern damit, wie Klimt einer der prägnantesten Künstler Österreichs werden konnte. Die gezeigten „Lehrerwerke“ reichen (um nur wenige Beispiele zu nennen) vom Tiroler Kirchenmaler und Nazarener Michael Rieser, von dem Klimt die Verwendung des Goldes in der Kunst erlernte, über den Tiermaler Friedrich Sturm, unter dessen Anleitung der Schüler Naturstudien anfertigte, bis hin zu Ludwig Minnigerode, der als wichtiger Porträtkünstler dem jungen Klimt die Annäherung an den Menschen verfeinerte.


Die früheste Arbeit Klimts ist gleich zu Beginn der Ausstellung zu sehen. Es handelt sich dabei um das Schülerwerk „Brunnscher Kopf“, der einen antiken Frauenkopf darstellt und 1878 angefertigt wurde, als Klimt also gerade erst zwei Jahre in Ausbildung war. Der Bogen spannt sich dann bis zu einer Gemeinschaftsarbeit, die in der von Klimt mitbegründeten „Künstler-Compagnie“ entstand. Selbstverständlich wurde dieses Werk, ganz im Sinne der modernen Auffassungen Eitelbergers, in kollektiver Arbeit geschaffen, was nach dem Tode des Bruders Ernst Klimt das Schicksal des Bildes nicht unwesentlich bestimmen sollte und Gustav Klimt wesentlich beeinflusste. Genaueres dazu in der Ausstellung.


Mit der Schau „Klimts Lehrer“ ist dem MAK definitiv ein großer Wurf gelungen und es kann einen nur verwundern, dass dieses Thema erst jetzt Aufmerksamkeit bekommt. Wer Klimt in seinem Werden und damit auch die österreichische Geschichte jener Zeit besser verstehen will, sollte einen Besuch auf jeden Fall einplanen. Die Möglichkeit dazu besteht noch bis 13. März 2022 (vorbehaltlich natürlich diverser noch kommender Lockdowns).


Bildquelle: Gustav Klimt, Plakat für die 1. Kunstausstellung der Vereinigung bildender Künstler Österreichs - Secession, Wien, 1898, Auftraggeber: Vereinigung bildender Künstler Österreichs - Secession, Druckerei: Albert Berger, Wien, Lithografie MAK, PI 1658


Link: https://www.mak.at/klimtslehrer