Editorial: Die Macht der Veränderung.

Im kapitalistischen System lernen wir unter anderem eines: es ist vollkommen in Ordnung sich über dieses oder jenes aufzuregen, man darf ruhig auch sudern und (oberflächlich) debattieren: die einen am „Stammtisch“, die anderen in etwas gediegenerem Rahmen. Die Nachrichten sind meist gefüllt mit zahlreichen Schreckensmeldungen und Bedrohungsszenarien, die eben diese Stimmung auch kräftig füttern und die Aufregerei nie zu einem Ende kommen lassen. Was jedoch „nicht geht“, ist Schlussfolgerungen zu ziehen und sich nicht von den Interessen der Herrschenden, sondern jenen des Volkes leiten zu lassen: Kurz gesagt mit den „Glaubenssätzen“ der Herrschenden und ihrem Individualismus zu brechen.


Dass es den Kapitalisten ein Anliegen ist, allgemeine Unzufriedenheit und Wut im „Sudern“ zu ersticken und keinerlei selbstbewusste und eigenständige Kraft des Volkes aufkommen zu lassen, ist altbekannt und muss nicht weiter diskutiert werden. Dass es jedoch auch innerhalb der Arbeiter- und Volksbewegung jene gibt, die nicht eine konsequente Klassenposition und Forderungen der Unterdrückten und Ausgebeuteten zu vertreten suchen, sondern neu aufgewärmte alte Illusionen schüren, sollte behandelt werden. Der Ausgangspunkt jedes demokratischen, also auch revolutionären Anspruchs ist die Veränderung der (Macht-)Verhältnisse, die sich aufgrund ihres gesellschaftlichen Charakters nicht aus der Vorstellungswelt eines Individuums, sondern aus den Interessen der jeweiligen Klasse oder des jeweiligen Teils der Bevölkerung ergeben. Diese Interessen (und deshalb unterscheiden sich Interessen von Wünschen!) leiten sich aus der Lage und Stellung innerhalb der Gesellschaft und den vorhergehenden Erfahrungen von Kämpfen ab: Kurz gesagt haben Arbeiter und Angestellte deshalb andere Interessen, als beispielsweise ihre Chefs oder Immobilienkonzene, da es die Besitz- und Produktionsverhältnisse sind, die sie trennen. Sieht man sich die Kämpfe der unterdrückten Klassen und Schichten in den letzten 100 Jahren an, bestätigen sie genau diese Trennungslinien. Die Arbeiter und die anderen unterdrückten Teile des Volkes sollten sich also vor jenen in Acht nehmen, die es vorziehen große Reden zu schwingen, anstatt konsequent den Standpunkt der Unterdrückten voranzustellen. Meist sind es jene „großen Redner“, die die Kraft des Volkes zur gesellschaftlichen Veränderung schon abgeschrieben haben: Das Volk könne ja schlussendlich doch selbst nichts erreichen, dazu fehlt ja einerseits die „Finanzspritze“ und andererseits die „Lobby“. Hier trifft sich der „politisch bewusste“ und „aktive Mensch“ mit dem Suderanten aus Beisl oder Galerie. Es ist die alte Predigt aller herrschenden Klassen, dass die Welt unveränderlich und das Volk machtlos wäre. Dennoch wurden Sklavenhalter, Pfaffen und Adelsmänner gestürzt – trotz aller Predigten!


Wie viele verschiedene Minister sahen wir kommen und gehen in den letzten Jahren, wie viele neue Versprechungen, Drohungen und „Hoffnungsträger“ wurden präsentiert?! Jedes Mal wäre es erneut die „Lösung“ die „allen“ zugute käme. Viel mehr als neue Minister interessiert die Frage welche Veränderungen durch die Herrschenden und ihren Staatsapparat überhaupt erwartet werden können. Wenn das Kriterium für Gesetze und „Reformen“ lediglich ist, wie noch mehr aus den Arbeitern und Angestellten herausgeholt werden, wie die Bevölkerung noch mehr „einsparen“ und der Steuerzahler noch mehr abgeben kann, muss die Kraft und das Interesse von gesellschaftlichen Veränderungen woanders liegen als bei den Mächtigen und ihren Abgeordneten. Damit jedoch das Volk eine starke Kraft und bewusste Macht der Veränderung werden kann, muss es sich von all den Illusionen lösen, die Sudern, Inkonsequenz und Paktiererei predigen. Darum muss jeder der dazu gewillt ist kämpfen, es wird nicht von alleine gehen!


Bildquelle: Parlamentsgebäude: Reichsratssaal, by Man77, CC BY-SA 4.0

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