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Pax Silica: Wie ein neokoloniales Projekt der USA auf den Philippinen Widerstand auslöst

von Gastautor Siegfred Deduro



Das Original des Artikels ist auf Englisch und hier zu finden (LINK einfügen), eigene Übersetzung die Rote Fahne. Siegfred Deduro stand der Roten Fahne zuvor schon als Interviewpartner zur Verfügung: “Revolutionaries are freedom fighters, not terrorists” [- Redaktion der Roten Fahne]



Unter dem Deckmantel einer Hightech-Modernisierung wird das von den USA angeführte „Pax Silica“-Rahmenwerk auf dem ASEAN-Gipfel im November in Manila zügig zur endgültigen Ratifizierung vorangetrieben. Während es dem Globalen Süden als Eintrittskarte in fortgeschrittene Lieferketten angepriesen wird, sieht die Realität ganz anders aus: Es handelt sich um eine Hightech-Anlage die kritische Ressourcen für westliches Kapital sichert. Nach der Unterzeichnung durch die EU im Juni ist Österreich nun direkt beteiligt. Doch während sich Landwirte und indigene Gemeinschaften auf den Philippinen gegen diesen neokolonialen Landraub mobilisieren, entsteht eine wichtige Front des internationalistischen Widerstands – mit der Forderung, dass Aktivisten und die philippinische Diaspora in Wien den österreichischen Staat zur Rechenschaft ziehen.




Die Initiative wurde auf einem Gipfeltreffen in Washington, D.C., ins Leben gerufen, mit sieben Gründungsmitgliedern: den USA, Australien, Japan, Südkorea, Singapur, dem Vereinigten Königreich und Israel. Die Allianz hat sich seitdem auf 24 Unterzeichnerstaaten erweitert, darunter Indien, die Niederlande, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate. Die Philippinen traten am 17. April 2026 als 13. Mitglied bei, gefolgt von Deutschland und der Europäischen Union am 23. Juni 2026. Als EU-Mitgliedstaat beteiligt sich Österreich aktiv an dem Projekt. Zu den strategischen Erfordernissen gehören:


    • Diversifizierung weg von Ein-Lieferanten-Modellen für kritische raffinierte Vorprodukte (derzeit dominiert von China).

    • Sicherung der physischen Infrastruktur, die den globalen Wettlauf um KI-Technologie vorantreibt.

    • Umleitung der Handelsnetze ausschließlich über vertrauenswürdige Partnerländer.

    • Absicherung westlicher geistiger Eigentumsrechte auf allen Ebenen des Tech-Stacks.


Die Philippinen wurden als erster physischer Standort für „Pax Silica“ ausgewählt, sollen aber nicht der letzte bleiben; das Rahmenwerk ist darauf ausgelegt, ein globales Netzwerk aufzubauen. Im Rahmen von „Pax Silica“ kündigten die USA und die Philippinen Pläne zur Errichtung eines 4.000 Acre großen Industriezentrums im Luzon-Wirtschaftskorridor an. Der Standort – der erste seiner Art – wird von den Philippinen als „Economic Security Zone“ angeboten, um die Produktion von Vorleistungen zu steigern, die für die US-Lieferketten von entscheidender Bedeutung sind.



In dieser Architektur fungieren die Philippinen als Standort für die nachgelagerte Fertigung mit Schwerpunkt auf Montage, Test und Verpackung (ATP) und beherbergen gleichzeitig regionale Beschleunigungszentren zur Rückverlagerung der Backend-Fertigung. Die USA und andere hochentwickelte Industrienationen fungieren hingegen als wichtigste Ankerpunkte für die Kapitalallokation, die Koordinierung der Sicherheitspolitik, die Cloud-Computing-Infrastruktur und die Chip-Design-Architekturen.


Digitale Infrastruktur, kritische Mineralien und die imperiale Logik der „Pax Silica“


Obwohl Präsident Ferdinand „Bongbong“ Marcos Jr. in den USA aufgrund von Urteilen des Bundesgerichts wegen der weitreichenden Menschenrechtsverletzungen des Marcos-Clans während des Kriegsrechtsregimes seines Vaters zivilrechtlich haftbar gemacht wird, betrachtet Washington ihn nun als verlässlichen Verbündeten. Infolgedessen hat Marcos Jr. die Philippinen zu einer willigen Frontlinie in Amerikas Strategie der „ersten Inselkette“ zur Eindämmung Chinas gemacht.


Den Vereinigten Staaten winkt ein enormer strategischer Vorteil: Das Gesetz Nr. 12252 (zur Änderung des „Investors’ Lease Act“) gewährt ausländischen Investoren die effektive Kontrolle über Projektstandorte für bis zu 99 Jahre. Die Philippinen gehören zudem zu den Ländern mit den reichsten Bodenschätzen weltweit und sind der zweitgrößte Nickelproduzent sowie der größte Exporteur von Roherz. Doch hinter den riesigen Vorkommen an Kupfer, Nickel und Kobalt verbirgt sich ein weiteres Ziel imperialistischer Ausbeutung: ein junges, technikaffines Arbeitskräftepotenzial. Mit einer Bevölkerung von 118 Millionen Menschen und einem Durchschnittsalter von 26 Jahren bietet das Land digital versierte, kostengünstige Arbeitskräfte, die für die Ausbeutung prädestiniert sind, um den Bedarf des Westens an künstlicher Intelligenz und Datenverarbeitung zu decken.


Die Philippinen gelten bereits als Drehscheibe für Outsourced Semiconductor Assembly and Test (OSAT)-Dienstleistungen und leisten damit einen entscheidenden Beitrag zur globalen Lieferkette, da Hersteller bestrebt sind, ihre Produktion zu diversifizieren. Obwohl dieser Anteil von einem Höchststand von 58,2 % im Jahr 2020 auf 53,4 % bis Ende 2024 zurückgegangen ist, bleiben Halbleiterkomponenten, Teile für die elektronische Datenverarbeitung und Festplatten für Endverbraucher die wichtigsten Wirtschaftsmotoren.


Gleichzeitig belegten die Philippinen im Korruptionswahrnehmungsindex 2025 von Transparency International Platz 120 von 180 Ländern. Die weit verbreitete Korruption in der Regierung schafft ein Klima der Straflosigkeit, was im Umgang mit ausländischen Konzernen zu routinemäßigen Verstößen gegen Umwelt- und Regulierungsgesetze führt.



Von Straßenprotesten bis hin zu Wasserknappheit: Ein Blick auf den Widerstand


Der Widerstand gegen die „Pax Silica“-Initiative hat eine breite Koalition aus Basisorganisationen, indigenen Gruppen, Studentenbewegungen, Umweltschützern und Wirtschaftsanalysten zusammengebracht. Landwirte, Fabrikarbeiter, religiöse Führer und Studenten schließen sich gegen das zusammen, was sie als ein geopolitisches Glücksspiel mit hohem Einsatz betrachten, und breiten den Widerstand weit über Metro Manila hinaus auf den gesamten Archipel aus.





„Mit seiner Aussage, dass die Gewinne an die Streitkräfte der Philippinen (AFP) fließen sollten, hat Teodoro bestätigt, was viele bereits wussten: Pax Silica dient nicht dazu, Arbeitsplätze für Filipinos zu schaffen, wie Marcos Jr. es angepriesen hat, sondern ist vielmehr eine Kriegskasse für die Militarisierung.“



Im Kern ist „Pax Silica“ eine Strategie des US-Außenministeriums zur wirtschaftlichen Sicherheit, die darauf abzielt, China einzudämmen, indem die Lieferketten für kritische Mineralien und Halbleiter für westliche Militär- und Dual-Use-Technologien gesichert werden. Anstatt eine echte nationale Industrialisierung voranzutreiben, stützt sich das Marcos-Regime auf Rahmenbedingungen für den Rohstoffexport wie das Bergbaugesetz von 1995 – und hält das Land damit am unteren Ende ausländischer Wertschöpfungsketten als Quelle billiger Arbeitskräfte und Rohstoffe gefangen.


Die lokalen Auswirkungen werden gravierend sein:

Belastung des Stromnetzes: Nach Angaben der IEA und des Lawrence Berkeley National Laboratory verbraucht ein einzelnes 100-MW-Rechenzentrum kontinuierlich so viel Strom wie 80.000 bis 100.000 Haushalte. Im anfälligen Luzon-Stromnetz könnte Hyperscale-KI zu gravierenden Versorgungsengpässen führen und die Strompreise in die Höhe treiben, die ohnehin schon mit denen in Singapur konkurrieren.

Erhebliche Wasserverknappung: Daten des Environmental and Energy Study Institute (EESI) und der Brookings Institution zeigen, dass große KI-Anlagen täglich bis zu 5 Millionen Gallonen Wasser verbrauchen (das entspricht dem Verbrauch von 50.000 Einwohnern). In Zentral-Luzon – wo sich der Boden aufgrund von übermäßiger Wasserentnahme jährlich um 5 cm absenkt – droht dies zu Wasserknappheit in der Trockenzeit und treibt die Versorgungskosten in die Höhe.

Umweltzerstörung: Das Training von KI-Modellen verursacht massive CO₂-Emissionen – das Training eines einzigen großen Modells verursacht so viel CO₂ wie fünf PKWs über ihre gesamte Lebensdauer. In einem lokal mit fossilen Brennstoffen betriebenen Stromnetz beschleunigt dieser Ausbau die Emissionen direkt.


Darüber hinaus erfolgt der Abbau an den Hauptabbau Standorten (Palawan, Surigao), die chemische Hochdruck-Säureauslaugung (HPAL) findet in Küstengebieten statt (Subic, Batangas), und die vorveredelten hochreinen Metalle werden zu den Hauptverteilzentren transportiert, um dort in Halbleiterhardware integriert zu werden. Angesichts der unzureichenden Aufsicht durch das Ministerium für Umwelt und natürliche Ressourcen (DENR) besteht bei diesem mehrstufigen Modell die Gefahr, dass sich historische Katastrophen wiederholen, bei denen giftige Bergbauabfälle Grundwasserleiter verseuchten und landwirtschaftliche Flächen zerstörten.


Im Windschatten Washingtons: Die „grüne Rohstofffalle“ der EU


Das EU-Gesetz über kritische Rohstoffe (CRMA) setzt ehrgeizige Ziele für die Verarbeitung, das Recycling und die Sicherung kritischer Mineralien wie Nickel, Kupfer und Kobalt, um die europäische grüne Technologie und die KI-Infrastruktur zu versorgen. Anstatt jedoch den Gesamtressourcenverbrauch zu senken, stützt sich das CRMA auf „strategische Partnerschaften“, die die umweltschädlichste Phase der Lieferkette – die Rohstoffgewinnung – in den Globalen Süden auslagern.


Unter dem Banner der strategischen Autonomie Europas gibt die EU vor, einen eigenständigen Kurs zu verfolgen. In Wirklichkeit agiert Brüssel durch den Beitritt zur „Pax Silica“ an der Seite Washingtons als Juniorpartner in einem imperialen Technologie-Bündnis, dessen Ziel es ist, den globalen Markt für KI und Halbleiter zu monopolisieren.


Die Beteiligung Österreichs im Rahmen der EU ist alles andere als neutral; das Land unterstützt aktiv eine von den USA angeführte Wirtschaftsarchitektur, die darauf abzielt, Entwicklungsländer wie die Philippinen dauerhaft in die Rolle von Rohstofflieferanten zu zwängen. Dies offenbart den Hauptwiderspruch der europäischen grünen Sozialdemokratie: Sie fordert hohe innenpolitische Umweltstandards, profitiert aber gleichzeitig von imperialistischen Lieferketten.


Die westliche Industriepolitik setzt auf die Wertschöpfung am oberen Ende der Wertschöpfungskette (Halbleiter, KI-Algorithmen, Investitionsgüter), während sie die Philippinen dazu zwingt, am unteren Ende zu verbleiben. „Pax Silica“ stellt eine moderne Form kapitalistischer Einhegung dar. Hightech-Wirtschaftszonen, der Ausbau von Rechenzentren und Bergbaukorridore entziehen den Einheimischen ihre Landrechte und die souveräne Kontrolle über ihre Ressourcen. Die Gewinne, die fertigen Chips und die hochwertige Technologie fließen an die Unternehmenszentralen im Silicon Valley, in Brüssel und in Wien – während die philippinische Arbeiterklasse die Folgen wirtschaftlicher Instabilität, Landenteignung und ökologischer Zerstörung zu tragen hat.



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