Kolumbien: Verteidigung der revolutionären These des „Bürokratischen Kapitalismus“


Was hat das Gesellschaftssystem Kolumbiens mit anderen Ländern der sogenannten „Dritten Welt“ gemeinsam? Dass es ein Land ist, in dem sich ein „bürokratischer Kapitalismus" entwickelt hat, welcher eine demokratische und eigenständige Entwicklung des Landes verhindert, so argumentieren Revolutionäre aus Kolumbien.


In ihrem kürzlich neu veröffentlichten Artikel „Die These vom bürokratischen Kapitalismus ist eine marxistisch-leninistisch-maoistische These“, verteidigt die Kommunistische Partei Kolumbiens (Rote Fraktion) diese in vielen Ländern angewendete These und gibt damit aufschlussreiche Einsichten in Gesellschaftssysteme von Ländern, welche von den Herrschenden als „Entwicklungsländer" bezeichnet werden.


Das heutige Weltsystem, der Imperialismus, so der Artikel, gründet sich auf der Herrschaft einer kleinen Anzahl an mächtigen Ländern über die große Mehrheit an unterdrückten Ländern. Bevor diese große Anzahl an Ländern in ihrer Geschichte die Möglichkeit einer eigenständigen kapitalistischen Entwicklung hatten, so wie es beispielsweise nach 1848 in vielen Ländern Europas geschah, wurde ihre Entwicklung von außen gehemmt und unterbrochen. Das ist der Ausgangspunkt der These des bürokratischen Kapitalismus, welche ursprünglich vom chinesischen Kommunisten Mao Zedong folgendermaßen definiert wurde: „Bürokratischer Kapitalismus ist jener Kapitalismus, der durch den Imperialismus in rückständigen Ländern entwickelt wird.“(1). Während die Herrschenden davon sprechen durch Investitionen und Wirtschaftshilfen die Ökonomien rückständiger Länder zu entwickeln, errichten sie in Realität „ihr eigenes bürokratisches Kapital, besonders das Kapital der Großgrundbesitzer, der Banken und Kompradoren (2)".


Im Artikel wird betont, dass der bürokratische Kapitalismus sich nicht nur auf die wirtschaftliche Beherrschung beschränkt, sondern er wurde im Laufe seiner Entwicklung zur Staatform: „Es entwickelte sich ein Prozess in welchem sich der bürokratische Kapitalismus mit der Staatsmacht verband und zum Staats-Monopolkapitalismus wurde, Komprador und feudal,...“. Damit kritisieren die Autoren eine Position, welche die These des bürokratischen Kapitalismus als veraltet oder nur für einzelne Länder gültig bezeichnet. Die These des bürokratischen Kapitalismus beschreibt nicht nur eine spezifische Politik, sondern das gesellschaftliche System in all jenen Ländern, welche durch die Großmächte in ihrer Entwicklung gehemmt und in einem de facto Vorkapitalistischen Zustand der Halbfeudalität und Halbkolonialität gehalten werden.


Diese Analyse sei deshalb von elementarer Bedeutung, so die Autoren, da sie eine wesentliche Grundlage für die soziale Befreiung in den unterdrückten Länder bilde. Der bürokratische Kapitalismus verhindert gerade eine demokratische und eigenständige Entwicklung, was die Voraussetzungen für eine neue demokratische Revolution (3) heranreifen lässt. Mit diesem Artikel ziehen die Autoren auch eine wichtige Trennlinie zwischen einer revolutionären Theorie und verschiedenen reformistischen Positionen, welche aktuell durch den Wahlsieg von Gustavo Petro verstärkte Aufmerksamkeit erfahren. Dass es sich bei Petro keinesfalls um einen „Linken“ handeln kann, auch dafür ist der Artikel wichtige Verständnisgrundlage. Das bestätigte sich ein weiteres Mal mit Petros kürzlichem Selbstbekenntnis in einem Interview mit „The Economist“, wo er sich als Anhänger der „sozialen Marktwirtschaft nach deutschem Vorbild“ (4) bezeichnete.




(1) Alle Zitate sind dem Artikel „Die These vom bürokratischen Kapitalismus ist eine marxistisch-leninistisch-maoistische These“ entnommen.

(2) Handelsklasse, „Mittelsmänner“ zwischen imperialistischem Auslandskapital und nationaler (Feudal-)Ökonomie.

(3) „Neudemokratische Revolution": eine demokratische Revolution neuen Typs, welche nicht mehr vom Bürgertum sondern vom Proletariat geführt ist.

(4) Handelsblatt, Wahlen in Kolumbien (19.06.2022)