Interview mit einer Pflege- und Altenbetreuerin

[von Arbeiterstammtisch Steyr, Paul M.]


Ein Aktivist des Arbeiterstammtisch Steyr und Korrespondent der Roten Fahne führte ein Interview mit einer Alten- und Pflegebetreuerin. Dieses gibt ein kurzen Einblick in den Alltag einer Arbeiterin aus dem Gesundheitsbereich und zeigt die Notwendigkeit für wirkliche Verbesserungen in diesem wichtigen Sektor.

Rote Fahne: Danke, dass Sie sich bereit erklärt haben, mit uns dieses Interview zu führen. Warum haben Sie sich entschlossen in einem Alten-und Pflegeheim zu arbeiten?


Hanna P.: In erster Linie, weil die Menschen für mich wichtig sind. Auch gerade die, die ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben, sollten eine gute Versorgung bekommen. Mir war es immer schon wichtig, zu helfen, dort wo Hilfe gebraucht wird. So habe ich mich entschlossen im Gesundheitswesen zu arbeiten.

Rote Fahne: Welche Aufgaben haben Sie im Heim?

Hanna P.: Zu meinen Aufgaben gehören sehr viele Tätigkeiten. Wir müssen die Bewohner waschen, Essen eingeben, Krankentransporte organisieren, Arzttermine vereinbaren, Medikamente vergeben, seelischen Beistand leisten, vor allem für die, die keine Familie mehr haben, Bewohner umlagern, das heißt, die Position von Bettlägrigen wechseln und das alle zwei Stunden. Das bei ca. zehn Bewohnern. Es ist nicht so, dass man jeden Tag immer das Gleiche machen muss. Ganz im Gegenteil. Wir arbeiten mit alten Menschen, die teilweise an Demenz erkrankt sind oder andere schwere Krankheiten haben. Da kann sich jeden Tag der Zustand verschlechtern oder eben andere Dinge auftreten. Es kann jeden Tag was neues kommen.

Rote Fahne: Wie viele Pflegekräfte wären nötig, um eine Rundumversorgung zu gewährleisten?


Hanna P.: Normalerweise braucht man fünf Pfleger für 10-40 Bewohner. Da es aber immer auf die Bewohner ankommt, kann man das nicht so pauschal sagen. Die einen brauchen mehr Pflege, andere eben weniger. Da wir aber, wie in vielen Fällen, unterbesetzt sind und für jeden Bewohner ein großes Wissen erforderlich ist, muss auch oft wo anders eingesprungen oder zusätzliche Arbeiten verrichtet werden wie z.B. Geschirr spülen, Putzen oder eben Springerdienste verrichten. Da aber vor allem in den letzten zwei Jahren immer mehr an ihre Grenzen kommen, wird auch die psychische Belastung für uns immer mehr. Ein geregeltes Privatleben ist fast nicht mehr möglich.

Rote Fahne: Gibt es psychische Betreuung für das Personal, eine Supervision oder ähnliches? Vor allem jetzt, wo der Druck enorm wurde?


Hanna P.: Bis auf Extremfälle nicht. Was aber notwendig wäre, da wir wirklich viel einstecken müssen. Manche Bewohner sind auf Grund ihrer Erkrankungen aggressiv. Da kann es schon vorkommen, dass wir geschlagen, getreten, bespuckt oder beschimpft werden. Das ist eine große Belastung. Das kann man oft nicht einfach so wegstecken. Da ist das „Abschalten“ zu Hause auch oft nicht möglich.

Rote Fahne: Wie haben Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen von der Aktion 5 nach 12 erfahren und gab es da viel Unterstützung?


Hanna P.: Durch die Sozialen Medien haben wir davon erfahren. Die Gewerkschaftsführung hat das aber nicht angekündigt oder einen Aushang gemacht. In dem Betrieb in dem ich arbeite, bin ich Betriebsrätin, da sollte man diese Infos schon von der Gewerkschaftsführung erhalten, wie ich finde. Wir sind dann, bis auf eine Pflegerin, um 12:05 Uhr vor die Tür gegangen. Eine Pflegerin blieb deshalb im Heim, um die Versorgung der Bewohner zu gewährleisten. Auch viele andere Kolleginnen und Kollegen kamen in ihrer Freizeit, um die Aktion zu unterstützen. Es reicht. Wir können so nicht mehr weitermachen. Im Schnitt sind es 10-11-Stunden-Dienste. Kinderbetreuung gibt es bei uns auch nicht, da sind die Auflagen zu hoch. Was aber wirklich dringend nötig wäre, da wir überwiegend eben Mütter sind. Auch der Lohn braucht eine deutliche Erhöhung, da wir gerade jetzt am Meisten gebraucht werden, hinzu kommen auch noch die Teuerungen. Es ist ja toll, dass uns die Regierung gratuliert und beklatscht hat, doch davon haben wir einfach nichts.

Rote Fahne: Was braucht es jetzt, um hier eine Entlastung für die Pflege zu schaffen?


Hanna P.: Es braucht dringend eine Aufstockung im Gesundheitsbereich. Nicht eine ständige Kürzung, wie in den letzten Jahren. Es braucht dringend Geld, um mehr Personal auszubilden oder auch für das Personal das vorhanden ist, dass das nicht an den privaten Sektor verloren geht. Es braucht dringend mehr Lohn und auch eine passende Kinderbetreuung. Auch soll damit aufgehört werden, dass Arbeiter aus dem Gesundheitsbereich gekündigt oder gemobbt werden, nur weil sie auf die Corona-Maßnahmen-Demonstrationen gehen, vor allem wegen der Impfpflicht. Ich kenne einige aus anderen Krankenhäusern und Pflegeheimen, die deswegen gekündigt wurden. Damit soll endlich Schluss sein.

Rote Fahne: Was wollen Sie unseren Leserinnen und Lesern zum Abschluss noch sagen ?


Hanna P.: Der Mensch ist wichtig. Jede Pflegekraft möchte zu 100 % für die Bewohner und Patienten da sein und bestmögliche Pflege bringen. Aber durch Zeitmangel und Pflegenotstand ist das oft nicht zu schaffen. Die Arbeit ist so umfangreich und reicht bis hin zur Seelsorge bzw. Familienersatz. Man wünscht sich mehr Zeit, um für die Bewohner und Patienten da zu sein. Das geht aber nicht.

Das Interview macht nochmals mehr als deutlich, dass es Maßnahmen braucht, die der Gesundheit dienen. Dazu gehört ein Ausbau des öffentlichen Gesundheitswesens und eine Entlastung der Arbeiterinnen und Arbeiter die dort tätig sind und die Betriebe am Laufen halten. Mit der derzeitigen Krise versuchten die Herrschenden die Spaltung der Bevölkerung voranzutreiben und nicht nur das, es ist zugleich eine Ablenkung vom Wesentlichen. Dass es jetzt Maßnahmen braucht, ist sehr vielen klar, dennoch sollten es Maßnahmen sein, die wirksam sind und nicht nur der Wirtschaft und den Eliten dienen. Wir sollten auch in unsere eigene Kraft vertrauen, denn wir wissen, dass es wir selber sind, die wirklich unsere Interessen vertreten können. Nur der organisierte Protest aus der Bevölkerung wird Verbesserung durchbringen.