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Gastbeitrag: Völkerrecht als Maximalkonsens, der auch zu weit geht


Es freut uns folgenden Gastbeitrag veröffentlichen zu können:

 

 

Völkerrecht als Maximalkonsens, der auch zu weit geht

 


Nahost-Korrespondent Karim El-Gawhary wurde nach 22 Jahren vom ORF abgesägt. Es liegt nahe, dass seine “israelkritische” Berichterstattung über den Völkermord in Gaza zu viele Leute verärgert hat. Im Zuge des Kniefalls der österreichischen Presse vor dem zionistischen Meinungsdiktat wäre eine solche Entscheidung nur stimmig.



Karim El-Gawhary sagt nicht viel auf die Frage, warum sein Vertrag beim ORF nicht mehr verlängert wurde: Generationenwechsel, heißt es offiziell. Sogenannte Qualitätsmedien wie Falter und Standard agieren wie Außenstehende und Drüberstehende im Gespräch mit ihrem langjährigen Kollegen, dessen “israelkritische” Positionen sie als Stenographen der imperialistischen Propaganda gewiss nicht teilen. Ihr als demokratische Überzeugung getarntes moralisches Überlegenheitsgefühl gebietet es aber wohl, auch andere Meinungen zu respektieren.


El-Gawharys Berichte über den seit bald drei Jahren andauernden Völkermord in Gaza und die israelischen Verbrechen in Westasien hoben sich durchaus von denen der übrigen Medien ab. Er orientierte sich in seiner journalistischen Arbeit im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen zumindest am internationalen Völkerrecht. Dementsprechend benannte er Kriegsverbrechen wie die Angriffe auf Zivilisten, Krankenhäuser und Schulen als solche, beleuchtete die humanitäre Lage der Palästinenser vor Ort und ließ sie zu Wort kommen. Er war anders als Israel-Korrespondenten und Feuilletonisten nicht einfach ein Sprachrohr der israelischen Besatzung.


Dennoch wies El-Gawharys Berichterstattung die der Presse der imperialistischen Zentren eingefleischten Defizite auf. So findet etwa eine Anerkennung des bewaffneten Widerstands im völkerrechtlichen Vakuum statt, in seiner materiellen Form wird er jedoch abgelehnt und verleumdet. Die an den Fronten gegen den imperialistischen Vernichtungskrieg stehenden Massenorganisationen des nationalen Befreiungskampfes in Palästina und der Region als Terroristen, Antisemiten und Unterdrücker zu diffamieren, ist ungeschriebene Blattlinie. Und vom Imperialismus ist ohnehin nie die Rede. Es sei wichtig, “dass das Publikum erfährt, wie es den Leuten im Gazastreifen geht”, sagt El-Gawhary in einem Interview. Das beschreibt die Möglichkeiten und Grenzen der Berichterstattung über den Völkermord hierzulande recht gut.


Für seine Berichte aus Gaza arbeitete er mit einem Kameramann vor Ort zusammen. Er trug ihm auf, was er zeigen und fragen sollte, wie er dem Standard selbst erzählt auf die Aussage hin, dass es ja so schwierig sei, zu verifizieren, was in Gaza passiert, weil keine ausländischen Korrespondenten hinein dürfen und diese sich deshalb “auf soziale Medien verlassen” müssten. Die Überheblichkeit hinter solchen Aussagen ist erstaunlich. Die Dichte an professionellen Journalisten und anderen Medienschaffenden ist wahrscheinlich in keinem Konfliktgebiet so hoch wie in Gaza – zumindest war sie das. Israel hat seit Beginn des Genozids bekanntlich über 250 von ihnen systematisch ermordet.


Warum werden keine Reporter im Gazastreifen beauftragt? Obwohl viele von ihnen für international anerkannte Medienhäuser berichten und von Millionen von Menschen auf der ganzen Welt verfolgt werden, wird ihnen fehlende Glaubwürdigkeit und Objektivität und nicht selten ein Naheverhältnis zur Hamas oder anderen Widerstandsfraktionen unterstellt. Die israelische Besatzungsarmee veröffentlichte regelmäßig offizielle Todeslisten mit Fotos von populären – und mittlerweile getöteten – Reportern wie Anas Al-Sharif von Al-Jazeera und ihren angeblichen Funktionen in den “Terrororganisationen”. Die fehlende Zusammenarbeit mit den palästinensischen Korrespondenten vor Ort ist also genauso konsequent wie das Ausbleiben eines medialen Aufschreis in den imperialistischen Zentren in Solidarität mit den ermordeten Journalisten in Gaza. Sie werden einfach nicht als Kollegen ihrer Profession anerkannt.


Als El-Gawhary im November 2025 erfuhr, dass er gehen wird müssen, war gerade ein Waffenstillstand im Gazastreifen verkündet worden – einer, der in Wahrheit nie in Kraft trat, sondern vielmehr eine Rekalibrierung der Taktik der Besatzungsarmee und ihrer US-Mäzene einläutete. Doch Gaza verschwand langsam aus den Schlagzeilen und verlor wohl auch zur Erleichterung vieler im ORF an journalistischer Dringlichkeit.


Einerseits gab es aufgrund der für viele eindeutig gewordenen Israel-Schlagseite in der Berichterstattung wachsende Kritik vom Publikum, das sich zwar mittlerweile vermehrt über alternative Kanäle informiert, aber den ORF durch die Haushaltsabgabe dennoch großteils finanziert. Andererseits hat sich der Druck von Seiten der zionistischen Institutionen und Parteien auf die Presse seit 7. Oktober 2023 massiv verschärft. Geht man also davon aus, dass der inoffizielle Grund für El-Gawharys Kündigung seine “israelkritischen” Positionen waren, dann war kurz nach dem Waffenstillstand der frühestmögliche Zeitpunkt, um allzu viel negativer Aufmerksamkeit zu entgehen und die Israel-Lobby rasch zu befrieden.


Es gibt das Gerücht, dass die ÖVP gegen El-Gawhary interveniert haben soll. “Politische Einflussnahme” witterten manche. Als wäre die Verflochtenheit mit den Herrschenden nicht die Basis für die Positionen der bürgerlichen Medien im Westen. Ihr primärer Auftrag ist die Verteidigung der imperialistischen Ordnung und gleichzeitig Narrative, die diese ins Wanken bringen könnten, zu zensieren oder zu delegitimieren. Mal mehr, mal weniger offensiv, mal nennen sie es “Generationenwechsel”.



Bildquelle:

Karim El-Gawhary, Mach dir keine Sorge, Wikimedia Commons, CCBY-SA 3.0

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