PERU

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Volkskrieg gleich Guerillakrieg? Aspekte der Militärpolitik der peruanischen Revolution.

Gastbeitrag von S. Uworov

 

Am 24. September 2021 wurde anlässlich des Todes von Abimael Guzmán, der als Anführer der Kommunistischen Partei Perus unter dem Namen „Vorsitzender Gonzalo“ bekannt war, eine gemeinsame Erklärung mehrerer kommunistischer Parteien und Organisationen veröffentlicht. In dieser steht unter anderem: „Mit einer Handvoll Kommunisten initiierte Vorsitzender Gonzalo die Rekonstitution der KPP, reinigte die Partei vom Revisionismus und (…) brachte sie in die Position am 17. Mai 1980 den Volkskrieg zu initiieren (…) Der Volkskrieg erschütterte Peru, Lateinamerika und die Welt; Vorsitzender Gonzalo formte die revolutionären bewaffneten Kräfte des peruanischen Volkes (heute die Volksbefreiungsarmee)...“

 

Manchen mag der Begriff des „Volkskriegs“ in diesem Zitat schon aufgefallen sein, vielleicht hat man ihn auch an anderer Stelle schon gelesen. Auf jeden Fall ist es so, dass man auch unter an Revolutionstheorie interessieren Personen immer wieder auf das Missverständnis stößt, dass „Volkskrieg“ gleichbedeutend ist mit Guerilla- oder Partisanenkrieg (1), beziehungsweise eine martialische, ideologisierte Bezeichnung dafür ist, was man auch „Bauernkrieg“ nennen könnte. Beides entspricht jedoch nicht dem Inhalt und der Bedeutung der Theorie des Volkskriegs. Tatsächlich handelt es sich dabei um eine eigene, spezifische Militärtheorie. Ihre frühen Ansätze finden sich in den revolutionstheoretischen Debatten der Kommunistischen Internationale, in eine geschlossene, systematisierte Form gebracht hat sie vor allem Mao Zedong, der Führer der chinesischen Revolution, der dafür noch heute selbst in der bürgerlichen Militärwissenschaft höchste Anerkennung genießt. Die Theorie des Volkskriegs fand und findet in der peruanischen Revolution exemplarische Anwendung. Um die peruanische Revolution zu verstehen, ist es daher unerlässlich, dass man sich auch damit beschäftigt, welcher militärpolitischen Strategie die peruanischen Kommunistinnen und Kommunisten folgten und welches Konzept Abimael Guzmán (Vorsitzender Gonzalo) dort umsetzte. Damit setzt sich der vorliegende Beitrag auseinander, um eine gewisse Klärung und Verständnis zu erzielen.

 

1964 begann Abimael Guzmán mit einigen wenigen weiteren Kommunisten die Arbeit für die Wiederherstellung („Rekonstitution und Wiederaufbau“) der Kommunistischen Partei Perus. Er erachtete das als Notwendigkeit, da die „offizielle“ Kommunistische Partei (die von José Carlos Mariategui geründet wurde) zum damaligen Zeitpunkt zu einer Partei geworden war, die sich in das System der Ausbeutung des peruanischen Volkes integrierte, anstatt es zu bekämpfen und die Revolution dagegen voranzubringen. Die Kommunistische Partei Perus, so Guzmáns Überzeugung, sollte jedoch eine Partei sein, die fest auf die Revolution zusteuert, die diese Revolution einleitet und führt, weshalb sie, so der „Vorsitzende Gonzalo“, in diesem Sinne eine „Kriegsmaschine“ sein muss. Es ist wichtig zu verstehen, dass gemäß der Theorie des Volkskriegs die Armee ihre Aufgaben nicht nur im Kriegführen als Kämpfen sieht, sondern eine ganze Menge politischer und ökonomischer Aufgaben hat, beispielsweise politische Mobilisierung, oder auch ökonomische Produktion. Die Armee im Allgemeinen wird dabei als Teil des politischen Aufbaus verstanden, weshalb sie von der Partei geführt wird und derselben Ideologie folgt. Damit soll sichergestellt werden, wie es Mao Zedong auf den Punkt brachte, dass die „Partei die Gewehre führt, aber niemals die Gewehre die Partei führen“. Sehen wir uns als Beispiel den Volkskrieg in Peru an, wird die Anwendung genau dieses Konzepts erkennbar.

 

Die erste militärpolitische Etappe der Revolution: Mobilisierung und bewaffnete Aktionen.

 

Nach einer Periode der Militärdiktatur sollte am 17. Mai 1980 im Andenstaat eine „demokratische“ Wahl abgehalten werden, doch in der Bevölkerung gab es eine starke Tendenz diese abzulehnen. Zu sehr erschien diese Wahl großen Teilen der Bevölkerung als eine Art Betrugsmanöver, das diejenigen, die sich schon bisher auf Kosten des Volkes bereicherten, absegnen und ihnen einen demokratischen Schein verpassen sollte. Die Kommunistische Partei Perus verfolgte dagegen (als Teil der 1979 vom Zentralkomitee der Partei getroffenen Entscheidung den bewaffneten Kampf zu beginnen) den Weg des aktiven Wahlboykotts. Sie rief die Massen dazu auf, zahlreiche Aktivitäten gegen die Wahlen zu setzen und begann an diesem Punkt mit ersten bewaffneten Aktionen, überfiel z.B. Wahllokale und zerstörte die Urnen. Mit diesem Kampf wollte man dem „schwindenden Glauben an Wahlen Ausdruck geben“. Die bewaffneten Aktionen gegen die Abhaltung der scheindemokratischen Wahl sollten der Auftakt für die erste militärische Etappe der Revolution sein und dieser gleich zu Beginn eine kräftige Dynamik verleihen. Dass den Kommunisten das gelang und keine leere Phrase war, davon zeugen 2.900 dokumentierte bewaffnete Aktionen der Partei, die in den ersten 21 Monaten ab der Wahl stattfanden.

 

Das war der Beginn des „Volkskriegs“, der sich militärtaktisch zuerst in bewaffneten Aktionen ausdrückte. Dies entspreche, so die peruanischen Kommunisten, dem Niveau des Klassenkampfes und der Massen, weshalb sie sagten: „Unsere Entscheidungen können nur aus der Erfahrung der Massen geboren werden.“ Der Beginn der Revolution hieß nicht, einfach zu schießen zu beginnen (wie sich das eine naive Revolutionsromantik vielleicht vorstellt), sondern die Revolution begann mit einem bestimmten Typus von bewaffneten Aktionen, die eine Einbeziehung breiter Teile der Bevölkerung erlaubten und deren Erfahrungen entsprachen. Das bedeutet, die Aktionen in dieser Phase des Beginns der Revolution wurden mit den einfachsten Waffen, wie sie die Bevölkerung aus dem „täglichen Gebrauch“ kannte (z.B. Gewehre für die Jagd, oder Steinschleudern aus kleineren Auseinandersetzungen mit den Organen der Militärdiktatur), mit sehr einfachen Methoden und sehr klaren, einfachen Zielen durchgeführt. Das ist ein wichtiges Moment um zu verstehen, warum es der KPP gelang, die Revolution auf eine so breite Basis zu stellen, sie so schnell auszuweiten und große Teile der Bevölkerung einzubeziehen. Die hauptsächlichen Parolen in dieser Etappe der Revolution waren „Bewaffneter Kampf!“, „Für einen Arbeiter- und Bauernstaat!“ und „Nieder mit der reaktionären Regierung!“. Sie sollten dem bewaffneten Kampf Orientierung geben und zu seiner Weiterentwicklung beitragen, die sich schon bald einstellte und in zunehmend komplexeren und professionelleren militärischen Operationen Ausdruck fand – beispielsweise in überaus spektakulären bewaffneten Aktionen zur Befreiung inhaftierter Kommunisten aus Gefängnissen, wie sie 1982 durchgeführt wurden. Die zahlreichen bewaffneten Aktionen und ihre Ausbreitung im Großteil des Landes veranlassten die Regierung und ihre ausländischen Berater (vor allem aus den USA, doch auch aus der UdSSR) dazu, immer schärfere Gegenkampagnen zu entwickeln. Die erste davon 1981, nachdem diese aber keinen Erfolg hatte, gab es eine zweite 1982, in der die Regierung wesentlich mehr Härte an den Tag legte, den Notstand ausrief und mit entsprechenden „Antiterrorgesetzen“ regierte. Allerdings wurden die militärischen Operationen gegen die Revolution zu dieser Zeit noch hauptsächlich mit Spezialeinheiten, militarisierter Polizei, und ähnlichen Kräften durchgeführt. Die Armee kam in dieser Phase eher in Ausnahmefällen und vor allem ergänzend zum Einsatz. Nachdem die antirevolutionären Operationen in dieser Etappe aber allesamt scheiterten, der bewaffnete Kampf nicht zurückgedrängt und die Kommunistische Partei nicht zerschlagen werden konnte, intervenierte noch 1982 mit ersten Aktionen die Armee. Für die Eliten Perus war das notwendig geworden, denn die Revolution, der „Volkskrieg“ verbreitete sich immer weiter und die Kommunistische Partei erhielt regen Zulauf.

 

Zweite Etappe: Guerillakampf

 

Im Zulauf den die Kommunisten erhielten, spiegelte sich das von ihnen bewusst angewendete Verhältnis von Politik und militärischer Taktik wider: „Inkorporation der Massen in den Volkskrieg“ nannten sie diese Anwendung, die es ermöglichen sollte, dass immer größere Teile der Volksmassen an der Revolution aktiven Anteil nahmen. So wurde die Kommunistische Partei Perus zur mitgliederstärksten Partei des Landes, wie auch die revolutionärer Gesinnung eher unverdächtige BBC Anfang September dieses Jahres in einem Artikel über den Tod Guzmáns berichtete. Möglich war diese Entwicklung, weil die KPP und insbesondere Abimael Guzmán, darauf beharrten, dass in der Revolution die „Zerstörung des Alten“ vor allem eine Notwendigkeit ist, der „Aufbau des Neuen“ jedoch das Hauptsächliche. Das bedeutete, dass mit dem Voranschreiten der bewaffneten Aktionen auch neue politische Organisationen gebildet wurden, die in der Hand des Volkes lagen und in denen die Massen der Bevölkerung ein politisches Organ im Kampf um ihre Forderungen hatten. Diese Errungenschaften und Organisationen wurden durch bewaffnete Aktionen, die sich durch die Bewaffnung der Bevölkerung und die Schaffung von Selbstschutzeinheiten entwickelten und zunehmend die Voraussetzungen für den Guerillakrieg hervorbrachten, verteidigt und ausgebaut. Voraussetzung dafür war, dass breite Teile der Bevölkerung selbst daran teilnahmen, dass sie in die Revolution schrittweise „inkorporiert“ wurden. Damit wurde auf sehr hohem Niveau genau das angewendet, was der chinesische Revolutions- und Parteiführer Mao Zedong sagte: „Der revolutionäre Krieg ist ein Krieg der Volksmassen, man kann ihn nur führen, indem man die Volksmassen mobilisiert, indem man sich auf die Volksmassen stützt.“ Die peruanischen Kommunisten erkannten diese „Volksmassen“ als Quelle der revolutionären Kriegsführung. Das bedeutete: je weiter das Volk an der Revolution teilnahm, desto weiter konnte sich die Revolution auch in militärpolitischen Fragen entwickeln. Da sich die Einbeziehung großer Teile der Bevölkerung sprunghaft erhöhte, machte auch der Volkskrieg eine sprunghafte Entwicklung.

 

Die Ausdehnung der Gebiete in denen die Revolution militärisch operierte, die stetig anwachsende Zahl der Mitglieder der KPP und die Tatsache, dass man es verstand den Regierungstruppen und ihren ausländischen Helfern herbe Verluste zuzufügen, kennzeichnen die Periode, in der sich der Volkskrieg von der ersten Etappe (bewaffneten Aktionen), zur zweiten Etappe, dem Guerillakampf, weiterentwickeln konnte. Eingeleitet wurde dieser Sprung mit dem „Beschluss des Zentralkomitees über die Entwicklung des Guerillakriegs“ aus 1981. Militärischer Ausdruck davon war nicht zuletzt, dass die revolutionären militärischen Kräfte nun nicht mehr nur in bewaffneten Aktionen der Partei zum Ausdruck kamen (obwohl es diese weiterhin gab), sondern hauptsächlich in Form der „Volksguerillaarmee“ organisiert waren. Der Guerillakrieg bedeutet eine mobile, bewegliche Form der Kriegsführung, eine Taktik die „tausend Nadelstichen gegen den Feind“ entspricht, die in der Lage ist, in bestimmten Basisgebieten durch die frühen Formen der Neuen Macht die Initiative der Revolution zu erhalten und eine stabile Herrschaft der reaktionären Kräfte zu verhindern, wenngleich sie selbst dort noch keine vollständige Kontrolle ausübt. Zu Beginn des Guerillakriegs bildet daher der Typus des „zeitweiligen Stützpunktgebietes“ (oder Partisanengebietes) die hauptsächliche Form in dieser Frage. Es gibt enorme Erfahrung mit dieser Taktik, denn sie fand im Zweiten Weltkrieg und ebenso in China, in Vietnam, Kuba, Albanien, Korea, Griechenland und nicht zuletzt auch in Österreich, sowie in vielen anderen Ländern bewusste Anwendung unter der Führung von Kommunisten und entschlossenen Revolutionären.

 

Bestimmte Elemente der militärpolitischen Taktik des Guerillakampfes werden aber auch von reaktionären Kräften genutzt, bzw. zu nutzen versucht. So bildeten Spezialeinheiten der Wehrmacht und einzelne Abteilungen der SS im Zweiten Weltkrieg Verbände die sich in den Rücken der vorstoßenden Roten Armee fallen lassen sollten, um dann einen „Kleinkrieg“ zu beginnen. Von den USA ausgebildete „Contra-Guerillas“, auch Todesschwadronen genannt, entlehnten vor allem in den 1970er und 1980er Jahren in Lateinamerika einige Elemente dieser Taktik und versuchten sie selbst zur Anwendung zu bringen. Reaktionäre, „fundamentalistische“ Kräfte wie die Taliban und der IS wendeten einzelne Elemente daraus in ihrer Kriegsführung gegen die NATO-Truppen an. Ihnen allen gemeinsam ist, dass es ihnen unmöglich war einen umfassenden Guerillakampf (oder Partisanenkampf) zu führen, denn für eine umfassende Anwendung dieser Militärpolitik ist die politisch aktive Unterstützung der Bevölkerung (zumindest im Kampfgebiet) notwendig. Eine Politik die den Guerillakampf führt, muss also vor allem im Dienste der Massen stehen, um sie zu mobilisieren und für sich zu gewinnen. Da die reaktionären Kräfte auf Dauer eine solche Politik nicht leisten können, scheitern sie auch darin, den Guerillakrieg umfassend anzuwenden und können bestenfalls einige Versatzstücke und einzelne Elemente daraus für ihre Taktik übernehmen. So schildert Hellmuth Rentsch, ehemaliger Verantwortlicher in Partisanenbekämpfungseinheiten der Wehrmacht, dass es im Kampf gegen die Partisanen ein Problem war, dass die höheren Kommandostellen und die politischen Vernichtungspläne der nationalsozialistischen Führung es unmöglich machten, dass die Kampfeinheiten die jeweils ansässige Bevölkerung verhältnismäßig schonten, sie auf ihre Seite zu bringen versuchten und damit den Partisanen das Mobilisieren und Eindringen erschweren hätten können. „Ohne eine tragfähige politische Konzeption von oben, konnten auch richtige Maßnahmen im Kampfbereich nur Stückwerk bleiben.“ (3) ...womit er unfreiwillig aber doch einsichtig bestätigt, dass die Methoden, die Umsetzbarkeit der Taktik und schlussendlich die gesamte Strategie der Kriegsführung zuletzt eine Frage der politischen Führung ist. Nicht umsonst ist im Ausbildungsbuch der US-Army für konterrevolutionäre Kriegsführung neben der „Neutralisierung der Guerilla“ (beschrieben als „Phase III“) im militärisch engsten Sinne die Kontrolle über Hilfsmittellieferungen in Krisen- und Kriegsgebiete, wie auch die Entwicklungsplanung (inklusive „Entwicklungshilfe“) und damit die Frage des politischen Einflusses auf die Bevölkerung, ein Herzstück der Taktik moderner „Contrakriegsführung“ (4)

 

Auch hier wird also wiederum deutlich, dass die Politik die Gewehre führt: ist es aber eine imperialistische, reaktionäre Politik, so wird sie sich allgemein nicht auf das Volk als Quelle der Kriegsführung stützen können, da sie nicht Neues aufbaut, sondern nur die alten, reaktionären Verhältnisse zu festigen bzw. zu renovieren versucht. Unter revolutionärer und fortschrittlicher Führung war es aber in vielen Ländern der Welt möglich, überaus erfolgreiche Guerilla- und Partisanenbewegungen, die über viel Unterstützung in der  Bevölkerung verfügten, zu schaffen. Denn unter Führung dieser Politik entsprach die Kriegsführung der Revolution den Wünschen und Interessen der Mehrheit der Menschen nach neuen Verhältnissen. Daher ist es so wichtig, dass man in Auseinandersetzung mit der peruanischen Revolution auch immer der Politik der KPP viel Aufmerksamkeit zuwendet, denn sie ist der Schlüssel um die schnelle Entwicklung und den sprunghaften Charakter des Volkskriegs zu verstehen. Die politischen Sprünge, die in der Etappe des Guerillakampfes auf Grundlage der richtigen Politik gemacht werden konnten, konkretisieren sich wiederum in militärischen Aktionen: 1983 gab es nicht weniger als 15.000 dokumentierte bewaffnete Aktionen (seit 1979), das bedeutet: 12.000 mehr als zu Ende der ersten Etappe, durchgeführt durch die Volksguerillaarmee.

 

Die dritte Etappe: Die höchste Etappe des Volkskriegs, Schaffung einer Streitmacht und strategisches Gleichgewicht.

 

Schon Mao Zedong weist darauf hin, dass die Umwandlung eines Partisanengebiets in ein Stützpunktgebiet ein langer und schwieriger Prozess ist (5). Was unterscheidet aber nun diese neuen, umgewandelten Stützpunktgebiete vom zuvor schon beschriebenen „zeitweiligen Stützpunktgebiet“ (bzw. Partisanengebiet)? Einerseits sind dies die Fragen der politischen Macht im jeweiligen Gebiet. Kennzeichnet sich das zeitweilige Stützpunktgebiet noch dadurch, dass es den Charakter einer „Doppelmacht“ trägt, da weder die alten Herrschenden, noch die Revolutionäre die hegemoniale Macht darüber haben, so ist das in einem Stützpunktgebiet anders. Dort wurde den Herrschenden jede politische Macht genommen, dort liegt die politische Macht bei der Revolution, in Form der entwickelten Neuen Macht. Daher sagt Mao Zedong auch, dass die Vollendung eines Stützpunktgebietes vom Ausmaß der Vernichtung des Feindes und der Mobilisierung der Volksmassen für die Revolution abhängt.

 

Die Stützpunktgebiete werden auch als „befreite Gebiete“ bezeichnet, die aber bestimmte militärpolitische Voraussetzungen brauchen, denn ein Stützpunktgebiet und damit die Neue Macht kann nicht allein mit relativ kleinen Guerillatruppen, oder bloßen Selbstschutzeinheiten verteidigt werden. Das ist militärisch zwar nötig, es braucht hier aber auch entsprechende militärpolitische Formen revolutionärer Truppen, die sich auf Entscheidungskämpfe mit dem Feind einlassen können, weshalb Mao Zedong schrieb, dass es bei der Errichtung eines Stützpunktgebietes militärpolitisch in erster Linie um die Frage des Aufbaus einer Streitmacht geht. Eine Streitmacht kann sich Entscheidungsschlachten mit dem Feind liefern, das ist eine bestimmende Charakteristik im Gegensatz zu Gruppen bewaffneter Aktionen, zu Guerillaformationen oder Selbstschutzeinheiten. Jeder dieser Verbände und Gattungen hat in der Revolution bestimmte Aufgaben, und jeder von ihnen ist in einer bestimmten Etappe und unter bestimmten Voraussetzungen die hauptsächliche Form der militärischen Verbände. Mit entsprechender Entwicklung der Revolution  müssen sich ihre militärischen Kräfte jeweils weiter aufbauen und festigen, um sich ab einer bestimmten Etappe des Volkskriegs in Form einer Streitmacht zu konsolidieren. Das bestehen einer solchen Streitmacht ist neben der Mobilisierung der Volksmassen und der Vernichtung des Feindes die dritte Voraussetzung für Stützpunktgebiete und die entwickelte Form der Neuen Macht. Damit zeigt sich vollkommen klar, dass der Volkskrieg in seiner strategischen Konzeption nicht nur mit dem Guerillakrieg nicht gleichzusetzen, sondern durchaus etwas anderes ist (wobei der Guerillakrieg ein taktischer Teil von ihm ist).

 

Im Volkskrieg in Peru leitete das Zentralkomitee unter dem Vorsitz von Abimael Guzmán die Entwicklung für dieses wichtige Ziel, für die dritte Etappe des Volkskriegs ab Juni 1984 ein. In der militärischen Kampagne „Beginnt mit dem großen Sprung!“ wurde die Entwicklung des Guerillakriegs zum Volkskrieg vorangetrieben. Diese militärische Kampagne war Teil des politischen Plans „Erobert Basisgebiete!“, der für die konkrete Etappe der Revolution entworfen wurde und den Aufbau der neuen Macht in den Stützpunktgebieten entwirft. Die Konsolidierung der Guerillatruppen auf höherem Niveau, in einer Streitmacht, drückte sich außerdem in der Namensgebung der revolutionären Truppen aus. Aus der Volksguerillaarmee wurde die Volksbefreiungsarmee. Das ist übrigens auch der Hintergrund der gegenwärtigen Diskussion der Kommunistischen Partei Indiens (Maoistisch) über die Frage, ob die Volksbefreiungs-Guerillaarmee (PLGA), die heuer ihren 20. Jahrestag feiert, in Volksbefreiungsarmee (PLA) umbenannt werden soll. Es handelt sich dabei nicht um eine plesierliche Namensdiskussion, sondern um den Ausdruck einer konkreten Einschätzung der Entwicklung und Sprünge der revolutionären Kräfte und der Frage, wie weit man eine bestimmte Taktik innerhalb der Strategie des Volkskriegs zur Anwendung gebracht hat.

 

Die peruanische Revolution ist jedenfalls ein überaus eindrückliches Beispiel dafür, dass es die Kommunistische Partei Perus und ihr „Vorsitzender Gonzalo“ sehr gut verstanden, die Etappen des Volkskriegs ein- und anzuleiten, Schlussfolgerungen zu ziehen und entsprechende Entscheidungen und Beschlüsse auf den Weg zu bringen. Die Geschichte des Volkskriegs in Peru zeigt darüber hinaus recht deutlich, dass Volkskrieg und Guerillakrieg nicht dasselbe sind, wenngleich sie sich auch nicht kategorisch ausschließen. Was aber kategorisch ausgeschlossen werden muss, ist ihre Gleichsetzung, denn diese ist praktisch wie theoretisch falsch. Es zeigt sich, dass der Volkskrieg nicht in jeder seiner Entwicklungsetappen ein Guerillakrieg ist, dass die Einkreisung der Städte vom Land her, ebenso wie die soziale Zusammensetzung der Kämpfenden, wesentlich durch die sozioökonomischen Umstände bestimmt ist - und damit in der konkreten Anwendung des Volkskriegs auf die jeweiligen Verhältnisse begründet liegt. Das problematisierte übrigens auch schon Mao Zedong in seinen revolutionstheoretischen Schriften, als er im Zweiten Weltkrieg Erfahrungen aus der Anwendung des Volkskriegs in China mit der Frage des Kriegsführung in Belgien verglich, wobei er dort aus der Ferne wohl spezifische Fragen und Umstände erkannte die sich nachteilig auswirken könnten, mitnichten aber meinte, dass deswegen dort prinzipiell kein Volkskrieg zu führen sei.

 

Die Voraussetzung für die sprunghafte und über längeren Zeitraum hinweg rasante Entwicklung der peruanischen Revolution liegt darin begründet, dass die peruanischen Kommunistinnen und Kommunisten die allgemeine Theorie über den Volkskrieg ebenso gründlich verstanden, wie die Widersprüche in ihrem eigenen Land und dass sie die bestimmten Voraussetzungen ihrer Kampfbedingungen, auch international, niemals aus den Augen ließen. Das gestattete eine Anwendung, die hier deshalb von uns als Beispiel herangezogen wurde, da sie einerseits für sich selbst spricht, andererseits aber auch dazu dienen kann, revolutionäre Prozesse in verschiedenen anderen Ländern der Welt stattfinden, besser und gründlicher zu verstehen.

 

 

 

(1) Guerilla- und Partisanenkrieg beschreiben nicht unbedingt dasselbe, auch wenn diese Begriffe alltagssprachlich oft so benutzt werden als wäre dies der Fall.

(2) Mao Zedong: Kümmern wir uns um das Wohl der Massen, achten wir auf die Arbeitsmethoden! (1934)

(3) Rentsch, Hellmuth: Partisanenkampf. Erfahrungen und Lehren. (1962)

(4) Vgl. dazu:  „Counterinsurgency Planning Guide“, Herausgegeben von der U.S. Army Special Warfare Planning School, Fort Bragg. (Übersetzt in der Reihe Internationale Kritik).

(5) Vgl. dazu: Mao Zedong, Strategische Probleme des Partisanenkriegs gegen die japanische Aggression. (1938)

Bildquelle: 

 
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Lucanamarca – Eine Dämonisierungskampagne gegen die peruanische Revolution

Beitrag von Marko P.

Gleichzeitig mit der Ermordung von Abimael Guzmán, des Anführers der peruanischen Revolution und Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Perus (KPP), ist eine mediale Hetzkampagne losgegangen. Drogenhändler, Bauernschlächter, Massenmörder, … so nennen ihn die bürgerlichen Medien. Damit soll das Verbrechen der Ermordung legitimiert, und der revolutionäre Kampf des peruanischen Volkes kriminalisiert werden. Ein Beispiel dieses Versuchs der Kriminalisierung ist die bürgerliche Berichterstattung über ein vermeintliches Massaker der Kommunistischen Partei in Lucanamarca, ein Dorf im Süden Perus.

 

Entgegen dem Prinzip der „Objektivität“ veröffentlichten nach dem Tod Abimael Guzmáns alle deutschsprachigen Medien mehr oder weniger denselben kopierten Artikel. Völlig undifferenziert wird er als „Massenmörder“ diffamiert (wobei sich keines dieser Blätter daran störte, dass der wegen Völkermordes verurteilte Ex-Präsident Fujimori letztes Jahr freigelassen wurde). Das erste, womit man konfrontiert wird, wenn man „Abimael Guzmán“ googelt – gleich in der Einleitung des (englischsprachigen) Wikipedia-Artikels – ist: „Er gründete die Kommunistische Partei Perus – Leuchtender Pfad 1969 und führte einen terroristischen Krieg (…) Er gab außerdem den Befehl zum Massaker von Lucanamarca.“ (1) Lucanamarca wird in Folge stellvertretend für alles genannt, was Abimael Guzmán und der KPP an Gräueltaten nachgesagt werden. „Schließlich ging Guzmans Plan nach hinten los, als ländliche Milizen oder „Rondas“ Unterstützung für das Militär, gegen den Leuchtenden Pfad mobilisierten. (…) Das resultierte in einem zyklischen Zustand der Gewalt in dem die maoistischen Guerillas ruchlose Strafexpiditionen gegen peruanische Zivilisten in den Andenregionen durchführten. 1983 wurden 69 Menschen (einschließlich Frauen und Kinder) aus der Hochebenen-Stadt Lucanamarca vom Leuchtenden Pfad gefoltert und ermordet, was als Massaker von Lucanamarca bekannt wurde.“ (2) Sollte es also sein, dass Abimael Guzmán dieselben Methoden des Massenmordes anwendete, wie sie die Imperialisten gegen die Völker eingesetzt haben, wie die US-Imperialisten es zuvor in China, Korea, Laos und Vietnam und natürlich auch in Lateinamerika praktiziert hatten? Oder gibt es doch mehr Seiten der Geschichte in Lucanamarca?

 

Diese Ereignisse sind nur im Kontext der nationalen Verhältnisse Perus zu verstehen. Peru ist ein halbfeudales und halbkoloniales Land, das vom Imperialismus (hauptsächlich vom nordamerikanischen) unterdrückt wird. 60 Prozent des Landes gehören zwei Prozent der peruanischen Landbesitzer. Leibeigenschaft und Feudalherrentum („Gamonalismus“, eine spezifische Art der Feudalität und Halbfeudalität in Peru) bestimmen nach wie vor grundlegend die wirtschaftlichen Verhältnisse im Land. Dieser Zustand wird durch den Imperialismus gestützt und aufrechterhalten, durch die kapitalistischen Monopole, v.a. aus den USA, aber auch durch europäische Imperialisten. Ayacucho, wo Lucanamarca liegt, ist eine der ärmsten Regionen Lateinamerikas. Die Region hatte die höchsten Raten von Kindersterblichkeit, Unterernährung, Tuberkulose und Analphabetismus. Dort wurde jener Kern geschmiedet, aus dem später die Kommunistische Partei Perus, unter Führung von Abimael Guzmán, dem Vorsitzenden Gonzalo, wiedererrichtet wurde. 1980 wurde der „Volkskrieg“, die Revolution in Peru eingeleitet. So wurde in Ayacucho der alte Staat zurückgedrängt, die feudalen Großgrundbesitzer enteignet und zahlreiche Volkskomitees aufgebaut, welche die Organe der neuen Macht bildeten.

 

Aufgrund der Stärke der Bewegung begann das Militär im Dezember 1982 gegen die Revolution vorzugehen. Stufenweise übernahm das Militär die Rolle der Polizei in der Aufstandsbekämpfung, wobei sie die Politik des Massenmordes anwendeten. Schon die Spezialpolizei hatte grausame Massaker an Zivilisten, Massenvergewaltigungen und Plünderungen durchgeführt und das Militär war um nichts besser. Doch geschult von CIA-Militärberatern begannen sie eine andere Taktik anzuwenden: Sie bauten paramilitärische Einheiten unter den Bauern auf. Dörfer wurden gegen andere Dörfer gehetzt, in denen die Kommunistische Partei stark war. Das ist Teil der sogenannten „Hearts and Minds“ Methode, welche die USA auch in Vietnam mehrfach anwendeten. Die Führer dieser Einheiten waren eine kleine Minderheit reaktionärer Bauern und viele von ihnen waren mit dem feudalen Großgrundbesitz verbunden. „Sie bildeten ‚Mesnadas‘, paramilitärische Gruppen bewaffneter Bauern, um so die unter Druck gesetzten Massen zur Bekämpfung des anderen Teils der Massen, gleichsam als Kanonenfutter, zu verwenden.“ (Abimael Guzmán) (3) Diese paramilitärischen Einheiten, die „Mesnadas“, waren der hauptsächliche Gegner in den Gefechten bei Lucanamarca und nicht die Bauernschaft generell. Die Bauern wurden durch die paramilitärischen Einheiten unter Druck gesetzt, sich in diesen Einheiten zu organisieren. So heißt es im Handbuch der peruanischen Armee über den nicht konventionellen, antisubversiven Krieg, es gehe darum eine aktive Minderheit für die Aufstandsbekämpfung zu finden (die paramilitärischen Einheiten), "sie zu organisieren, um die neutrale Mehrheit gegen die feindliche Minderheit zu mobilisieren" (4). Das Ziel war die Zerstörung der politischen Organe der frühen neuen Macht: obwohl "laut Definition die Mitglieder dieser Organisation keine bewaffneten Elemente sind (...) sollte das vorrangige Ziel deren totale Vernichtung sein" (5). Sollte das nicht funktionieren, ging es darum, möglichst viele Menschen in der Region umzubringen, um der Revolution die Basis zu entziehen. In einem zynischen Wortspiel, das sich an ein Zitat von Mao Zedong anlehnt (ein Revolutionär müsse unter den Massen wie ein Fisch im Wasser sein), nannte die Reaktion diese Taktik: „Den Teich austrocknen, um den Fisch zu töten“.
 

Das zeigte sich bereits im Jänner 1983 im Dorf Huaychao. Dort wurde den Bauern vom Militär befohlen  "jeden Fremden zu töten, der zu Fuß ins Dorf kommt". Am 26. Januar wurden in Huaychao acht Journalisten, die gekommen waren um die Wahrheit über die Gerüchte von Massakern herauszufinden, ermordet. Später mussten die damals verantwortlichen Regierungsangehörigen zugeben, dass zu diesem Zeitpunkt Reservisten der Armee in Huaychao stationiert waren und die Bauerneinheiten befehligten (6). Paramilitärs, Spezialpolizisten und Soldaten der Armee selbst drangen am 20. Feber in Lucanamarca ein und verübten ein Massaker. Danach setzten sie die alten Machthaber wieder ein. In den Prozessen, die der alte peruanische Staat später selbst veranstaltete, kamen einige dieser Morde ans Licht: Zwei Kommissare der Volkskomitees und acht verschwundene Milizionären in Sacsamarca; 40 Tote bei einer Armeeaktion in Sancos durch wahllose Schüsse in die Menge, 17 Tote in Lucanamarca am 20. Feber, wenige Tage später ein Massaker an 19 Milizionären und viele weitere in den folgenden Tagen. Ähnlich erging es auch anderen Dörfern und Regionen. Während 1983 1.767 Menschen ermordet wurden und 730 verschwanden (insgesamt 2.497), waren es 1984 bereits 2.522 Ermordete und 2.881 Verschwundene (insgesamt 5.403). Nachdem die paramilitärischen Banden am 22. März den revolutionären Bauern Oligario Curitumay auf seinem Hof in ihre Gewalt gebracht hatten, ermordeten sie ihn auf grauenhafte Weise vor den Augen seiner Familie und zwangen die unter Druck gesetzten Massen, sich zu beteiligen: „Gefesselt und mit verbundenen Augen (...) schlugen sie ihn mit Knüppeln, zogen an seinen Haaren, bis er bewusstlos, halbtot war. Dann legten sie ihn auf einen Haufen trockenes Gras, übergossen ihn mit Kerosin und zündeten ihn an.“ (7)

 

Die Antwort der Partei auf diesen völkermörderischen Feldzug war eine Gegenaktion in Lucanamarca. Nach genauer Planung wurden folgende Befehle ausgegeben:
„Erinnern wir uns an das, was wir bereits festgestellt haben: eine Armee hat nur die Stärke der Gesellschaft, die sie stützt. Die reaktionäre Armee müssen wir strategisch gering schätzen und taktisch sehr ernst nehmen. Erinnern wir uns daran, dass nur die gerechten Kriege siegen, dass der Volkskrieg unbesiegbar ist, und denken wir stets daran, was der Vorsitzende Mao sagte: 'Solange es Massen gibt, kann mit der Führung der Kommunistischen Partei jede Art von Wunder Wirklichkeit werden.“

„Die wichtigsten Punkte auswählen ... die Schläge gegen die hauptsächlichen Führer richten, den Schlag beschränken, es ist nicht korrekt, hinzugehen und alle zu töten. Das wäre kopfloses Handeln und würde der Reaktion in die Hände spielen.“

„Eine Barriere bilden, damit über sie Gericht gehalten wird und damit das Volk seine Anklagen formulieren kann (wenn eine Bäuerin ihn anspuckt oder ohrfeigt, ist das als ein Exzess zu betrachten, doch nicht erlauben, dass er erdolcht wird), eine Gerichtsverhandlung durchführen und, wenn das Urteil gefallen ist, ihn auf die schnellste Art hinrichten, ohne Grausamkeit, den das ist reaktionär, die Grausamkeit ist reaktionär.“ (8) Es wird also klar, dass in der Gegenaktion der Partei nicht die Massen das Ziel waren, sondern eine Handvoll reaktionärer Führer. Die Kommunistische Partei bestritt nicht, dass diese reaktionären Führer Ziel der Revolution waren, jedoch sollte dies ohne Grausamkeiten und mit Gerichtsprozessen erfolgen.
 

Die Folge der Gegenaktion waren eine Reihe von Gefechten in Yanacollpa, Atacara, Cachua, Muylacruz und Lucanamarca. Während die revolutionären Kämpfer großteils nur mit Äxten, Macheten, Knüppeln und Messern bewaffnet waren, hatten die Paramilitärs Karabiner und Schrotflinten, die sie den Bauern abgenommen hatten. Trotzdem konnten sie zurückgedrängt werden und zogen sich unter schwersten Verlusten nach Lucanamarca zurück. Als die Kämpfer der Revolution in den späten Nachmittagsstunden in Lucanamarca eintrafen, kam es zu einem heftigen Gefecht mit den paramilitärischen Banden, welche die unter Druck gesetzten Massen benutzten, um sich zu schützen. Doch die Einheiten der Volksguerillaarmee besiegten sie – trotz der überlegenen Waffenausstattung der Paramilitärs. Es ist klar und niemand verschweigt, dass bei diesen Gefechten eine große Zahl, dutzende von armen und landlosen Bauern getötet wurden, das ist gerade das Ergebnis der Politik „Massen gegen Massen zu stellen“. In Folge wurden die Dorfbewohner durch die Einheiten der Volksguerillaarmee auf dem Hauptplatz versammelt, wo ein Gerichtsprozess durchgeführt wurde. Doch dieser verlief nicht, wie behauptet, nach den Methoden der reaktionären Paramilitärs, was durch Zeugenaussagen aus dem späteren Prozess gegen Repräsentanten der Kommunistischen Partei deutlich wird: "Die Frauen wurden auf einer Seite versammelt, und die Männer, die auf einer schwarzen Liste standen, wurden mit Namen aufgerufen" (9). Von diesen Zeugen wurde bestätigt, dass zehn Personen, nicht mehr und nicht weniger, am Hauptplatz von Lucanamarca getötet wurden. Es waren ausschließlich Männer die an den Kampfhandlungen teilgenommen hatten, keine Frauen und Kinder. Warum ist dann von ermordeten und gefolterten Frauen und Kindern die Rede? Es gibt Hinweise, dass die Streitkräfte und die „Mesnadas“ diese Version auf Befehl einstudierten. Der reaktionäre Bürgermeister von Lucanamarca sagte selbst noch wenige Tage nach den Ereignissen vom 3. April in einem Interview, "von uns haben sie nur sehr wenige umgebracht". Über Massaker an Frauen und Kindern spricht er nicht. (10)

 

In den Ausarbeitungen der sogenannten „Wahrheits- und Versöhnungskomission“ ist von Massengräbern die Rede. Es gab jedoch keine heimlichen Massengräber mit den Leichen derer, die am 3. April starben. Alle wurden von ihren Angehörigen gemäß ihrer Sitten und Traditionen beerdigt, was im sogenannten „Megaprozess“ durch die Aussage der Zeugin Heraclides Misaico bestätigt wurde, und die Kommission stellte selbst (völlig widersprüchlich) fest: "Die lokalen Autoritäten beerdigten zusammen mit den Überlebenden und den Angehörigen der Opfer die Toten am Ort des Geschehens" (11). Für das ganze Leid, dass den Bewohnern von Lucanamarca durch den Staat angetan wurde, wird ihnen heute gerade einmal die Erneuerung ihrer Fenster und Dächer angeboten, nicht aber der Wiederaufbau ihrer Häuser. Außerdem wurde eine deutsche Bäckerei in dem Ort eröffnet, um „die wirtschaftlichen Einnahmen der Familien zu sichern".

 

Gegen die genozidale Offensive der Reaktion war es notwendig, dass „der Fluss über die Ufer tritt“. Obwohl in den darauf folgenden Racheaktionen der paramilitärischen Führer und der Streitkräfte Hunderte ermordet wurden, war das Wesentliche getan: Die paramilitärischen Einheiten wurden vor den Massen diskreditiert. Das war das Positive, die Hauptseite. Die Massen wurden durch diese Einheiten als lebendige Schutzschilder verwendet, sie hatten jedoch keine bedeutende Unterstützung unter der Bevölkerung. Dort wo sich die paramilitärischen Streitkräfte zurückzogen, hörten die Massen sofort auf sich gegen die Revolution zu organisieren, was zeigt, dass sie nur entsprechend des äußeren Zwangs handelten. Wenn die peruanischen Kommunisten also von „Exzessen“ oder Übergriffen sprechen, dann ist das im Rahmen dieser Aktionen gegen die unmenschlichen Massaker gemeint. Abimael Guzmán sagte über Lucanamarca in einem Interview:


„Unsere Antwort auf den Einsatz paramilitärischer Gruppen (Mesnadas) war die Aktion in Lucanamarca. Der Hieb saß. Weder sie noch wir haben ihn vergessen, denn was sie hier zu sehen bekamen, hatten sie sich nicht vorstellen können. Es wurden über 80 Personen vernichtet, wir verschweigen nichts. (…) Das Negative daran waren die Übergriffe. Eine Interpretation dafür findet man im Verständnis von Krieg, wie es Lenin aufgrund der Theorien von Clausewitz hatte. Im Krieg kann es passieren, dass die Massen während der militärischen Aktionen über die Stränge hauen und ihren gesamten Hass, ihre tiefsten Gefühle der Ablehnung und Verurteilung, die sich angestaut haben, aufbrechen lassen. Das war schon hier (wie schon Lenin erklärte) der Grund für die Übergriffe. Es kann natürlich immer zu Übergriffen kommen. Das Problem ist jedoch, einen gewissen Punkt nicht zu überschreiten, sonst kommt man vom Wege ab. (…) Lenin hat das deutlich gemacht.
In diesem Sinne interpretieren wir das Geschehen von damals. Aber, ich wiederhole: Das Wichtigste daran war, den Streitkräften zu zeigen, dass wir ein harter Brocken sind, zu allem entschlossen, wahrlich zu allem. Denn so hat Marx gelehrt: Man spielt nicht den bewaffneten Aufstand oder die Revolution. Wenn man aber den bewaffneten Aufstand beginnt, wenn man zu den Waffen greift, dann hält man die Fahne hoch und gibt nicht nach, niemals, bis zum Sieg – egal wie viel es kostet.
Marx, Lenin und vor allem der Vorsitzende Mao Tsetung haben uns gezeigt was Blutzoll, menschliche Kosten bedeuten, was es heißt zu vernichten, um zu schützen, die Fahne hoch zu halten, was immer auch geschieht – das hat uns geholfen, den schrecklichen Genozid zu überstehen (…).

Damit wird wahr, was der Vorsitzende Mao sagte: Die Reaktion irrt, wenn sie die Revolution in Blutbädern ertränken will. Sie sollte wissen, dass sie die Revolution eher begießt – das ist ein Gesetz. (…)

Nur durch die Unterstützung Seitens der Massen, hauptsächlich der armen Bauern, war es uns möglich in diesem Kampf zu überleben, diese Situation zu überwinden – und hier ist das Wort vom massiven Heldentum richtig am Platz.“ (12)

 

Lucanamarca wird von den Herrschenden heute gerne als Argument dafür verwendet, die Ermordung von Abimael Guzmán im Gefängnis zu legitimieren. Wenn man sich damit jedoch genauer auseinandersetzt, wird klar, was für eine infame Schmutzkampagne das ist. Im oben zitierten Interview der Zeitung „El Diario“ wird Abimael Guzmán gefragt: „… die PCP (Das ist die KPP – Anm.) wären ‚massenmordende Terroristen‘. Was sagen sie zu diesen Beschuldigungen, und worauf zielen solche Beschreibungen?
V.G.: … Das scheint mir eine plumpe Nachahmung unserer Vorwürfe an die Regierung und die Streitkräfte zu sein, auf die solche Attribute wie der Ring auf den Finger passen. Es ist doch deutlich geworden im In- und Ausland, wer die Massenmörder sind. Die APRA-Regierung, die diesen reaktionären Staat leitet, die Streit- und Repressionskräfte. All ihr Gerede nützt nichts mehr. Ihre Taten sind schon in die Geschichte eingegangen und werden morgen bestätigt“ (13)

 

Die Dämonisierungskampagne soll vor allem eines erreichen: sich nicht mit Ereignissen wie denen von Lucanamarca auseinanderzusetzen und den Lügen jener Glauben zu schenken, welche die Methode des Massenmordes gegen das Volk anwenden. Lucanamarca ist dafür sinnbildlich: geht es um die Kommunistische Partei Perus ist es die häufigst erwähnte Anschuldigung, möchte sich jedoch der interessierte Leser damit beschäftigen, gelangt er in einen Dschungel an Irreführungen, Verschleierungen und Falschinformation. Mit diesem Artikel möchten wir einen Beitrag dazu leisten, die Berichterstattung über dieses Ereignis in ein richtiges Licht zu rücken. Ein Revolution ist, wie Karl Marx es ausdrückte, ein Akt, in dem eine Klasse eine andere stürzt. Die kämpfenden Volksmassen und Revolutionäre verstehen diese Tatsache. Die Wahrheit zu verdrehen und sie durch Unwahrheiten zu überdecken, ist die Aufgabe und Notwendigkeit der imperialistischen Presse im Dienst der herrschenden Eliten. Lucanamarca ist Teil der Geschichte der peruanischen Revolution und wird auch im kollektiven Gedächtnis der Massen nicht als „Schandmal“ der Kommunisten, sondern der herrschenden Klassen eingehen.

 

 

(1) Wikipedia: Abimael Guzmán (eng), stand 24 August 2021

(2) Ebenda.

(3) „Die Anden beben! - Der Vorsitzende Gonzalo spricht aus dem Untergrund“, Zambon-Verlag 1990, S. 172

(4) Das Handbuch der Armee über den nicht konventionellen, antisubversiven Krieg ME 41-7, wurde 1989 von der Regierung selbst veröffentlicht

(5) Ebenda.

(6) Über das Massaker an den Journalisten berichtete unter anderem die Zeitung „El Observador“ vom 7. Feber 1983 (Interview mit Virgilio Roel), andere wichtige Berichte hat die Zeitung „Equis“ geliefert

(7) Abschlussbericht der Wahrheits- und Versöhnungskommission, Band 5, S.73

(8) Zirkularbrief der 2. Plenarsitzung des erweiterten Zentralkomitees, Dezember 1982

(9) Zeugenaussage von Teofanes Allcahuaman im „Megaprozess“ gegen die Partei,  Edda Huaripaucar

(10) Erklärungen des ehemaligen Bürgermeisters Gualberto Tacas an die Zeitschrift "Caretas", April 1983

(11) Broschüre der „Wahrheits- und Versöhnungskommission“ "Lucanamarca: eine dritte Hoffnung"

(12) „Die Anden beben! - Der Vorsitzende Gonzalo spricht aus dem Untergrund“, Zambon-Verlag 1990, S. 173-174

(13) „Die Anden beben! - Der Vorsitzende Gonzalo spricht aus dem Untergrund“, Zambon-Verlag 1990, S. 180

Bildquelle: Again Erick Goldorak,  CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

 

„Magische Revolution“: Malerei und Volkskrieg in Peru

Beitrag von Katharina J.

 

Jede Epoche und revolutionäre Bewegung findet ihren entsprechenden Ausdruck auch in der Kunst, von sehr primitiven bis höher entwickelten Formen. So wie alles in der Welt, ist auch die Kunst nicht neutral, sondern entspricht den Verhältnissen, den Widersprüchen und Kämpfen der Klassen. „In der Welt von heute ist jede Kultur, jede Literatur und Kunst einer bestimmten Klasse zugehörig, einer bestimmten politischen Linie verpflichtet. Eine Kunst um der Kunst willen, eine über den Klassen stehende Kunst, eine Kunst, die neben der Politik einherginge oder unabhängig von ihr wäre, gibt es in Wirklichkeit nicht. Die proletarische Literatur und Kunst sind ein Teil der gesamten revolutionären Sache des Proletariats oder, wie Lenin sagte, ‚Rädchen und Schräubchen‘ des Gesamtmechanismus der Revolution.“ So legte es der Anführer der chinesischen Revolution, Mao Zedong, dar und diese Darlegungen bestätigt sich auch bis heute. In der peruanischen Revolution, die durch den Volkskrieg entwickelt wird, gibt es dafür zahlreiche Beispiele. In diesem Beitrag möchten wir uns mit der Malerei der peruanischen Revolution auseinandersetzen.

 

Kunstgattungen

Magischer Realismus

Folgende zwei Bilder sind dem „magischen Realismus“ zuzuordnen, eine Kunstgattung die (beispielsweise in Abgrenzung zum sozialistischen Realismus) eine Verschmelzung der Wirklichkeit mit magischen, fantasievollen Elementen charakterisiert. Bildnerisch lehnen sich die abgebildeten Werke an den mexikanischen Maler Diego de Rivera an. Im Feld der Literatur ist der Literat Gabriel Garcia Marquez der Hauptvertreter des magischen Realismus. Über Marquez‘ Magischen Realismus wurde geschrieben, dass seine Werke „das Phantastische und das Realistische vereinen, die Leben und Konflikt eines Kontinents widerspiegeln“.

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Im diesem Bild zeigt sich durch die Zusammenstellung die Stärke der revolutionären Bewegung: die Armee des Volkes, die stark und mächtig dargestellt wird und die Reaktionäre, die trotz Panzer in großer Angst ihren Geldsack beschützen wollen. Der Anführer der peruanischen Revolution, der Vorsitzende Gonzalo wird, wie in vielen anderen Malereien, in der Mitte dargestellt. Er trägt ein Buch mit den Lehren von Marx, Lenin und Mao Zedong, was die Ideologie als Führung für die revolutionäre Bewegung darstellt. Unter ihm sieht man einen Studienkreis, der sybolisiert, dass auch die Massen und Kämpfer der Revolution sich mit der revolutionären Theorie auseinandersetzen.

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In dieser Malerei sind die „magischen“ Symbole von starker Bedeutung. Die „Wellen“ widerspiegeln das philosophische Prinzip des historischen Materialismus, dass die Revolution nicht geradlinig verläuft, sondern wellenförmig und sprunghaft. Gleichzeitig symbolisiert das Meer auch die „Unendlichkeit“, also die Masse der Ausgebeuteten und Unterdrückten, denen eine unendliche Schöpferkraft innewohnt. Die Sonne die das Licht spendet, verschmilzt mit dem Bild des Vorsitzenden Gonzalo, da dieser durch die Partei, die Führung der Revolution, den Weg weist.

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Auch diese zwei Bilder sind im Stil des magischen Realismus gemalt. Im ersten verkörpert (wie im Bild oben) der Vorsitzende Gonzalo die Sonne, die den Weg zeigt. Der Zug der Massen der vom Land, den Feldern und Bergen, mit Fahnen und Transparenten in Richtung Stadt zieht, stellt die militärische Bewegung des Volkskriegs in Peru dar: „vom Land in die Stadt“. Dass in vielen Bildern die Landschaft Perus, die Berge, die Felder und Bauern eine sehr zentrale Rolle einnehmen, hat mit den gesellschaftlichen Verhältnissen in Peru zu tun. Das Land war die Basis, von der aus sich die Revolution entwickelte, da dort die untersten und breitesten Teile des Volkes sind, die am stärksten unterdrückt und ausgebeutet werden.

Sozialistischer Realismus

Der sozialistische Realismus ist die höchste Form revolutionärer Kunst. Er zeigt das Volk, die Arbeiter, Bauern und andere Werktätige, in ihrer bewussten Tätigkeit für die Revolution und die politischen Aufgaben. Der sozialistische Realismus in der demokratischen Revolution hat (gemäß dem Charakter der Revolution) auch ein bestimmtes demokratisches Moment. Die folgenden Malereien, wovon die zwei Bilder unten Ausschnitte aus dem dritten Bild (rechts) darstellen, zeigen einerseits wie die Bevölkerung den bewaffneten Kampf durch Nahrungsmittel und Waffen unterstützt. Die Gesichter zeigen die Überzeugung und Entschlossenheit der Landbevölkerung und der Kämpfer in die Sache der Befreiung. Im Bild unten rechts sieht man zwei Kämpfer, ein Bergarbeiter und eine Frau, die höchstwahrscheinlich aus der Bauernschaft kommt. Der Bergarbeiter hält eine Dynamitstange in der Hand. Dieses Motiv ist symbolisch für die erste Phase der peruanischen Revolution. Es waren noch nicht sehr viele Schusswaffen vorhanden und die Kämpfer nahmen das, was Teil ihres Lebens war, wie hier das Dynamit des Bergarbeiters. Solche Dinge zu popularisieren war auch Teil der Kulturarbeit.

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Auch die folgenden zwei Bilder sind dem sozialistischen Realismus zuzuordnen: ein Bild aus einem „Plenum“ der Partei und eines von der Militärschule.

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Wandmalerei: „Muralismo“

 

Die Geschichte der Technik der Wandmalerei ist so alt wie der Mensch selbst, als Kunstform entstand sie natürlich erst viel später. Die moderne Wandmalerei wurde besonders durch die „Muralistas“ in Mexiko geprägt, die in den 1920er Jahren im Zuge der revolutionären Bewegung Mexikos entstanden und die Wände als politische Ausdrucksform nutzten. In ihren Anfängen ging es vor allem darum, der großteils analphabetischen Bevölkerung die Geschichte des Landes näherzubringen.

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Diese zwei Bilder zeigen das selbe Motiv, wobei das rechte Bild eine Malerei des Motivs auf einer Hauswand ist, links hingegeben das Motiv als Plakatmalerei. Oben im Bild ist die Aufschrift „Salvo el poder todo es ilusión! Lenin“ angebracht: ein Zitat Lenins, das auf Deutsch mit „Alles ist Blendwerk, außer der Macht“ übersetzt wird. Die drei Berge im Bild, auf denen drei rote Fahnen mit Hammer uns Sichel wehen, können zweierlei Bedeutung haben. Auf der einen Seite erobert die im Bild dargestellte Bauernschaft durch den bewaffneten Kampf (der zum Volkskrieg weiterentwickelt wurde) das Land und erreichtet dort die „Neue Macht“, also die Macht der unterdrückten Klassen. Sehr wahrscheinlich ist es aber auch, dass die drei Berge jene drei großen Lasten sind, die das Volk abwerfen will: Imperialismus, Feudalismus und bürokratischer Kapitalismus. In einem Lied der Kommunistischen Partei Perus, Himno a la Camarada Norah, ist ein Vers „Barremos tres montañas, asaltamos los cielos“, was übersetzt „Fegen wir die drei Berge hinweg und erstürmen den Himmel“ heißt. Diese drei „eroberten“ Berge symbolisieren dann auch den erfolgreichen Kampf gegen diese drei großen Lasten des Volkes.

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Auf diesem Bild ist links eine sehr große Wandmalerei, ein „Mural“ zu sehen. Die Wandmalerei wurde in einem peruanischen Gefängnis von inhaftierten Kommunisten angefertigt. Die Größe der Wandmalerei spiegelt auch die Stärke der Partei und der Bewegung im Land wieder, da die Kommunisten trotz Inhaftierung diese Leistung zustande brachten.

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Szenischer Schaukasten: Das Bild oben links zeigt eine Verbindung von Malerei und Schaukasten. Im Schaukasten zeigen die vier Etagen vier verschiedene Szenen aus dem revolutionären Kampf der Massen. Der Korb, der im zweiten Bild abgebildet ist, ist innen bemalt und das Motiv ist ebenso ein kraftvoller Ausdruck des Kampfes.

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Diese zwei Malereien sind klassisch der Laienmalerei zuzuordnen. Es ist eine einfache Darstellung des Dorflebens, die bestimmte Szenen festhält. Im zweiten Bild wird eine Versammlung der Dorfbewohner mit Vertretern der Kommunistischen Partei dargestellt und an einem Haus ist eine große rote Fahne angebracht. Diese Symbolik, die Fahne, die Gewehre und das Wandplakat machen den „Unterschied“ aus, an dem der Betrachter erkennt, dass es um den Kampf der Bauernschaft für ihre Interessen geht. Die Laienkunst erzählt auch immer etwas über die spontanen Eindrücke bei der Betrachtung der Dinge durch den Künstler.

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Das Bild oben zeigt eine Szene aus der ersten Phase des bewaffneten Kampfes und ist stilistisch dem klassischen Realismus zuzuordnen. Eine Frau bringt eine Wandbeschriftung an und schreibt „Peruanisches Volk: Geh‘ nicht wählen! Es lebe der Volkskrieg! KPP“. Diese Wandbemalung unterstützte die Kampagne der Kommunistischen Partei zum Boykott der Wahlen, mit der auch der bewaffnete Kampf eingeleitet wurde, und soll unterstreichen, dass nicht die Wahl, sondern nur der Kampf für etwas Neues die Verhältnisse ändern kann. Ein wichtiges Detail ist die Steinschleuder, welche die Frau links am Bild in der Hand hält. Wie in einem der oben beschriebenen Bilder, in dem der Bergarbeiter Dynamit hält, ist auch hier die Bewaffnung des Volkes mit den „alltäglichen“ Dingen dargestellt. Auch dieses Bild ist aus der ersten Phase des Volkskriegs, dem bewaffneten Kampf, wo Waffen wie Dynamit oder Steinschleudern den Kenntnissen des Volkes entsprachen, da viele nicht gelernt hatten mit anderen Waffen umzugehen. Somit entspricht auch die Steinschleuder einem wichtigen Symbol der Wehrhaftigkeit des Volkes in der ersten Periode und findet ihren Ausdruck in der Malerei.

Frauen

 

Wie bei den meisten Malereien deutlich wird, spielen Frauen darin eine große Rolle. Sie werden nicht nur als Bäuerinnen oder Werktätige abgebildet, sondern vor allem als Kämpferinnen. Das widerspiegelt die Realität der peruanischen Revolution, denn noch nie vorher in der Geschichte waren proportional so viele Frauen in der Partei oder Armee organisiert. Die folgenden drei Bilder sind Beispiele für die wichtige Rolle, welche Frauen eingenommen haben um für die Befreiung zu kämpfen.

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Motive und Zweck

 

Die Motive der Malereien sind meist sehr klar. Sie zeigen die Führung der Revolution, die Kommunistische Partei Perus und ihren Anführer, Abimael Guzmán. Und sie zeigen die Massen: die Arbeiter, Bauern und andere Teile des Volkes die sich dem Kampf angeschlossen haben. Bei allen Darstellungen der Massen findet sich die Symbolik der Partei. Das drückt das Bewusstsein darüber aus, dass es die revolutionäre, die kommunistische Partei braucht, damit Erfolge und Siege errungen werden können. Es drückt auch aus, dass die Partei unter den Massen ist, dass sie aus dem Volk kommt und wie Marx und Engels es darlegten, ihr „Vortrupp“ ist. Ebenso sind die Waffen ein sehr zentrales Element in den Malereien. Sie drücken das „wehrhafte Volk“ aus, das sich verteidigen und für die neue Gesellschaft kämpfen kann.

 

So wie auch andere Formen der Kunst und Kultur ist die Malerei ein wichtiges Instrument um die die Ziele, den Zweck des Kampfes zu vermitteln und auch das Herz der Betrachter zu berühren. In Peru war und ist die Bildsprache auch deshalb zusätzlich von zentraler Bedeutung, da ein großer Teil des Volkes nicht lesen und schreiben kann. Im Folgenden ist noch eine Zusammenstellung weiterer Malereien aus der peruanischen Revolution zu sehen. Wie in der Einleitung dargelegt, findet jede Epoche und jede revolutionäre Bewegung ihren entsprechenden Ausdruck auch in der Kunst. Die vorliegende Behandlung einiger Malereien (die bei weitem nicht alle sind!) aus der peruanischen Revolution, lässt den Beobachter das Ausmaß an Kraft, Zustimmung und Erfolgen dieses Kampfes erkennen. Und die Bilder zeugen deutlich davon, woher diese Kraft kommt: durch das kämpfende Volk mit der Kommunistischen Partei an ihrer Spitze. Damit wirken diese Bilder nicht nur auf die peruanische Bevölkerung, sondern haben eine Ausstrahlung über die Grenzen Perus hinweg. Sie inspirieren demokratische und revolutionäre Kräfte in anderen Ländern und helfen ihnen im Streben für die Interessen der Unterdrückten und Ausgebeuteten voranzugehen.

 

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Präsident Pedro Castillos Verbindungen zur Konterrevolution in Peru

Beitrag von Agnes P.

 

Vielen ist es ein Begriff mit welchen grausamen Methoden den Aufständischen und Befreiungskämpfern in Vietnam oder Algerien begegnet wurde. Massenhinrichtungen, Folterungen bis hin zu Zwangsumsiedlungen und Sterilisierungen waren und sind gängige Methoden der modernen Aufstandbekämpfung wie sie beispielsweise von Frankreich oder den USA gegen Befreiungsbewegungen eingesetzt wurden und werden. Ein Beispiel das dafür weniger bekannt, jedoch nicht einmal 30 Jahre zurückliegt, ist Peru. Auch der amtierende Präsident Perus, Pedro Castillo, der sich selbst als ‚Marxisten-Leninisten‘ bezeichnet, war in den 80er und 90er Jahre in Peru Teil einer Einheit die sich zur Aufstandbekämpfung verpflichtete.

 

Nicht einmal zehn Jahre dauerte es, dass sich die Revolution in Peru Anfang der 1980er wie ein Lauffeuer über fast das gesamte Land ausbreitete. Vor allem in den ärmsten Regionen, unter der armen Bauernschaft und den Indigenen, hatte die Kommunistische Partei Perus (KPP), welche die Revolution anführte, starken Rückhalt. Vor allem mit dem Eintritt des Militärs in die Kriegshandlungen (1982/83) versuchte der peruanische Staat die Revolution durch brutalste Gewalt zu unterdrücken. Die Auslöschung ganzer Dörfer, Folterungen und Massenhinrichtungen sollten als abschreckende Beispiele für die Bevölkerung dienen. Doch der Versuch die Revolution im Blut zu ertränken erzeugte vor allem das Gegenteil: Immer mehr Menschen schlossen sich ihr an und unterstützten die Kommunistische Partei. Angesichts der Bedrohung, dass die korrupte politische Elite die Macht verlieren könnte und Peru somit nicht mehr als Rohstoff- und Arbeitskräftelieferant für große internationale Konzerne zur Verfügung stehen würde, wurde auf „Hilfe“ vom Ausland gesetzt. Und diese Hilfe bekamen die Herrschenden Perus vor allem durch das US-Militär und die CIA, welche das Land zu einem neuen Versuchsfeld ihrer menschenverachtenden Aufstandsbekämpfungsstrategie machten.

 

Ähnlich wie in Vietnam und Algerien wurde die Taktik „Massen gegen Massen“ kämpfen zu lassen eingesetzt. Es wurden konterrevolutionäre paramilitärische Einheiten aufgebaut, sogenannte „Zivile Verteidigungskomitees“ (CDC), in welchen Bauern dafür bezahlt oder auch gezwungen wurden, gegen die Revolutionäre zu kämpfen. Mit dieser Methode knüpfte das Militär auch an eine Tradition aus der spanischen Kolonialzeit in Peru an, wo die Regierung ebenfalls paramilitärische Einheiten aus der ländlichen Bevölkerung gegen aufständische Bauernheere organisierte. Wie diese Methode gegen die KPP in der Praxis umgesetzt wurde, zeigt folgendes Beispiel: „Zu Beginn wurden die Bewohner von zunächst acht Dörfern in unmittelbarer Nähe einer Militärbasis in ein Lager gesperrt. Männliche Familienmitglieder wurden gezwungen, die Streitkräfte bei ihren Patroullien als Fahrer und Träger zu begleiten. Die Weigerung, sich an den willkürlichen Attacken auf Dörfer zu beteiligen, wurde mit Folterungen und Hinrichtungen beantwortet.“ (1) Die Zivilbevölkerung gegen die Revolution einzusetzen sollte für die Machthabenden vor allem den Zweck erfüllen, ihre zahlenmäßige Unterlegenheit in den ländlichen Gebieten auszugleichen und sich auf Kräfte zu stützen die gegenüber der Bevölkerung nicht als „fremd“ erscheinen würden. Während die CDC heute von der peruanischen Regierung gerne als Beispiel dafür herangezogen wird, dass die Zivilbevölkerung die Kommunistische Partei und die Revolution ablehnte, ist mittlerweile vielfach offiziell bestätigt, dass die Angriffe von CDC auf Guerillaeinheiten, der „Krieg Dörfer gegen Dörfer beabsichtigt, geplant und vorbereitet war" (2). Selbst Amnesty International kritisierte diese Praxis der peruanischen Armee in mehreren Briefen an den damaligen Präsidenten Fernando Belaúnde, welche diesen jedoch unbeeindruckt ließen. Die Berichte und Kritiken von Amnesty International und anderen Menschenrechtsorganisationen gegen das Vorgehen der peruanistischen Elite und Militär waren selbst nach internationalem Recht keinesfalls unbegründet: 1983 nahm die Brutalität der Aufstandbekämpfung das Ausmaß eines Genozids an. Auf je Hundert Einwohner kam ein Toter. Alleine in den besonders revolutionären Gebieten Ayacucho und Huancavelica wurden fast 2.000 Einheiten der CDC organisiert.

 

Auch der heutige Präsident Perus, der selbsternannte Marxist-Leninist Pedro Castillo, war als junger Mann Teil einer solchen verbrecherischen Einheit. Castillo war Mitglied einer Mitte der 80er Jahre gegründeten ‚Ronda‘ im Gebiet Cajamarca, welche sich vor allem zum Zweck des Kampfes gegen die Revolution gegründet hatte. Die ‚Legitimität‘ seiner Mittäterschaft in dieser paramilitärischen Einheit begründet er damit, dass diese eine Bauernorganisation zur Selbstverteidigung gewesen wäre. Damit beruft er sich auf die Vergangenheit der ‚Rondas‘ und verwischt damit den Unterschied zwischen bäuerlicher Selbstorganisierung und jenen paramilitärischen Einheiten, die im Interesse der Machthaber gegen das widerständige Volk eingesetzt wurden. ‚Rondas Campesinas‘ (Bauernwehren) gründeten sich in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts als eine Organisationsform der kleinbürgerlichen Bauernmassen im nördlichen Hochland, die mithilfe dieser Organisationen versuchten ihr Eigentum sowohl gegenüber der Dorfarmut als auch gegenüber der Willkür der Zentralregierung zu schützen. Politisch orientierten sich die Rondas meist nach Regionen unterschiedlich, und in manchen Regionen fanden reformistische und revisionistische Organisationen eine Basis unter ihnen. Der anfänglich kleinbürgerliche Charakter dieser Bauernwehren wurde jedoch in den meisten Fällen bald von einer reaktionären Ausrichtung und Führung im Schlepptau des Großgrundbesitzes ersetzt und so war es nicht selten, dass Rondas auch zum Schutz des goßen Landeigentums organisiert wurden. Eine gemeinsame Klammer bildete ihr Konversativismus und auch ihre Loyalität gegenüber jenen Fraktionen der herrschenden staatlichen Ordnung, von denen sie sich Zuwendungen erhofften. Im Zuge der Aufstandbekämpfung des Militärs gegen die Revolution und die Kommunistische Partei sollten die Rondas die Funktion des „Kanonenfutters“ im Krieg einnehmen. Die zuvor illegalen Rondas wurden legalisiert, vom Staat bewaffnet und dazu benutzt unter Leitung der CDC Gräueltaten gegen aufständige Massen und Dörfer zu begehen. Castillo war also in seiner 1986 (im Krieg) gegründeten paramilitärischen Einheit keineswegs einfach „Mitglied einer Bauernselbstorganisation“, sondern Teil der konterrevolutionären Pläne des peruanischen Militärs und der CIA. Auch demokratische Autoren weisen auf den Unterschied zwischen CDC und normalen Bauernorganisationen hin: „In der peruanischen Öffentlichkeit herrscht immer noch eine bedauerliche Konfusion, wenn von ‚Rondas Campesinas‘ die Rede ist. Die wenigsten sind sich der gravierenden Unterschiede zwischen diesen Erfüllungsgehilfen einer im Grunde hilflosen staatlichen Counterinsurgency-Politik und den Bauernorganisationen aus dem nördlichen Hochland bewusst." (3) Dass Leute wie Castillo sogar noch stolz darauf sind, als treue Gehilfen des peruanischen Militärs eine revolutionäre Bewegung bekämpft zu haben, zeigt nicht nur, dass diese mit dem Marxismus nichts am Hut haben, sondern ebenso wenig mit den Interessen einer unabhängigen Bauernorganisation.

 

Weit davon entfernt, dass Pedro Castillo seine Vergangenheit bereuen würde, spricht er sich als Präsident heute dafür aus im ganzen Land „Rondas Campesinas“ zu Gründen, damit diese „gemeinsam mit der Nationalpolizei die öffentliche Sicherheit effizienter gestalten können"(4). Dieses System der Einbindung der Bauernmassen als „Fußtrupp“ der staatlichen Sicherheitsorgane bedeutet nicht nur massive Militarisierung, sondern auch die Fortführung der Taktik „Bauern gegen Bauern“ zu mobilisieren, welche den unabhängigen und selbständigen Interessen der (armen) Bauernschaft gegenüber den Machhabenden entgegen steht.

 

In Anbetracht der Vergangenheit und politischen Haltung von Pedro Castillo darf nicht verwundern, dass dieser in großen Jubel ausgebrochen ist, als am 11. September der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Perus und Revolutionsführer Abimael Guzman, nach fast 30 Jahren Isolationshaft im Gefängnis ermordet worden ist. Stand Guzmán doch für alles, was Castillo bis heute verachtet: Die Selbstständigkeit der Unterdrückten und Ausgebeuteten im Kampf gegen die herrschenden Eliten und imperialistischen Mächte, sowie das feste Vertrauen darauf, dass die Volksmassen dazu im Stande sein können sich zu vereinigen und die politische Macht zu erlangen. Deshalb ist es an Zynismus kaum zu Überbieten wenn sich Castillo heute in der Tradition des „Kämpfers gegen den Terrorismus“ präsentiert, wo er doch selbst am allerbesten wissen müsste wer in diesem Kampf von Revolution und Konterrevolution in Peru auf Seiten des Terrorismus und Völkermordes gestanden ist.

 

 

 

(1) Calvo Hernando, Declerq Katlijn: Perú. Los senderos posibles; Tafalla; 1994, zit. in ‘Hintergründe, Verlauf und Wirkungen des peruanischen Bürgerkriegs’, Sascha Mache, 2002, S. 202

(2) Hintergründe, Verlauf und Wirkungen des peruanischen Bürgerkriegs, Sascha Mache, 2002, S. 205

(3) Huber, Ludwig: Bauern und Staat in Peru: Die Rondas Campesinas von Piura; Saarbrücken, Fort Lauderale; 1992, zit. in ‘Hintergründe, Verlauf und Wirkungen des peruanischen Bürgerkriegs’, Sascha Mache, 2002, S. 152

(4) Rede von Pedro Castillo bei dessen Antritt zum Präsidenten am 28. Juli 2021

Bildquelle: Presidencia de la República del Perú, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons