„Uns zreißt‘s“: eine Protestaktion der PädagogInnen

Schon seit Wochen gibt es in Oberösterreich laufend Aktionen und Initiativen unter der Losung „uns zreißt‘s“. Damit werden die teils katastrophalen Zustände in den Bildungs- und Betreuungseinrichtungen kritisiert, wo es massiv an Personal und Platz mangelt und die Kindergruppen überfüllt sind.



Nach einer Petition und kleineren Kundgebungen, gab es am österreichweiten Aktionstag vergangenen Dienstag, den 29. März, eine große Kundgebung in Linz vor dem Landhaus, zu der aus ganz Oberösterreich mobilisiert wurde. Auch eine Vertreterin der Roten Fahne war vor Ort und konnte sich durch zahlreiche Gespräche ein gutes Bild von der Lage tausender Beschäftigter in diesem Bereich machen.



Laut Veranstalter (Vertreter der Gewerkschaften GPA und Younion), waren es etwa 1.600 Leute, die sich beteiligten. Darunter waren zahlreiche PädagogInnen, HelferInnen, aber auch Eltern, Schüler und weitere Unterstützer beteiligten sich. Die Botschaft der Teilnehmer und der Redner: „uns zreißt‘s“ und „uns reicht‘s“, die Kindergruppen sind überfüllt und der Personalmangel ist eklatant. Viele sind ausgebrannt und können schlichtweg nicht mehr so weiter arbeiten wie bisher.


„In den vergangenen Wochen mussten viele Gruppen geschlossen werden, weil wegen der Corona-Ausfälle der Betrieb nicht mehr aufrecht zu halten war. Doch das ist leider nur der Gipfel des Eisberges.“, so eine Kindergartenpädagogin. „Unterbesetzung und eine ständige Ausweitung der Kinderanzahl pro Pädagogen, sei es offiziell oder unter der Hand, stehen leider schon länger an der Tagesordnung.“ Das beginne bereits damit, dass oftmals Stellen (wie für Integration oder Helfer) mit lediglich 17 Wochenstunden ausgeschrieben sind, wo sich natürlich kaum jemand finden lässt. Aber es sei auch ein Problem, dass wenig PädagogInnen nachkommen, da der Beruf „so schön er auch sein kann“, so eine Pädagogin, leider sehr an Attraktivität verloren hat. Dabei gehe es um Gruppengrößen, Stundeneinteilungen, Materialien, Lärmbelastung und Lohn.


Selbst scheinbar einfache Probleme wie die der Sessel, welche schon seit Jahrzehnten (!) Thema sind, konnte bisher nicht gelöst werden. Allzu oft werden keine ordentlichen Sessel für PädagogInnen finanziert, sondern es wird verlangt, tagtäglich an die acht Stunden auf den viel zu kleinen Kindersessel zu verbringen! „Das ist schon gewissermaßen ein Sinnbild dafür, wie wir zwar beklatscht werden und von allen Seiten scheinbare Anerkennung für unserer Arbeit bekommen, aber unterm Stricht nichts raus schaut.“, so eine Pädagogin die diesen Beruf schon sehr lange ausführt und sich sowohl von der herrschenden Politik, als auch von diversen gewerkschaftlichen Vertretern im Stich gelassen sieht.



Eine Beobachtung die viele der Beschäftigten in den vergangen Jahren machte: Die Gruppen wurden immer größer, aber die Räume immer kleiner! „Früher gab es eine Bestimmung, dass bei einer gewissen Fläche, die Gruppe der Kinderanzahl nach verkleinert werden musste. Das scheint es heute nicht mehr zu geben, denn auch in neu gebauten Kindergärten sind die Räumlichkeiten viel kleiner. Das führt natürlich zu mehr Lärm, Unruhe und lässt uns nicht so arbeiten wie es vorgesehen wäre.“, wird uns erklärt. Dabei kommt auch Ärger über die Gewerkschaftsführungen zum Ausdruck: „Ja, es wurde nun durchgesetzt, dass wir professionellen Lärmschutz bekommen, mit einem Selbstbehalt von ca. 100 Euro. Klingt vielleicht gut, aber ich denke es setzt an der falschen Stelle an. Anstatt die Umstände zu ändern, die Anzahl der Kinder zu verringern, sollen wir mit Lärmschutz arbeiten um das überhaupt noch irgendwie auszuhalten. Geht‘s eigentlich noch?“


Kritik gab es auch was die Leitungstätigkeiten in den jeweiligen Häusern betrifft. Das solle oft so nebenher mitlaufen, koste aber extrem viel Zeit die wo anders fehlt. In vielen Einrichtungen findet sich selbst schwer eine Stellvertretung, da diese Position heißt, auch am Sonntag verfügbar zu sein um eventuelle Ausfälle zu organisieren. Die Liste der Probleme und Schwierigkeiten, der schlechten Arbeitsbedingungen ließe sich noch viel länger fortführen. Sie betreffen die Kindergärten, Krabbelstuben, Horte, aber auch die Nachmittagsbetreuung welche bis heute nicht einmal im Kinderbetreungs- /Bildungsgesetz miteingeschlossen ist.


„Das sind alles Missstände, die natürlich auch die kommende Generation an KollegInnen betreffen, umso enttäuschender finde ich es, dass die Schulen (Anm.: gemeint sind BAfEP) heute nicht zur Kundgebung aufriefen und eine Befreiung gaben. Da kann man dann noch so oft hören, wie großartig es nicht ist was wir leisten, wenn offensichtlich nicht alle an einem Strang ziehen. Dann aber herrscht Verwunderung, wenn kein Personal gefunden wird.“, berichtete uns ein Pädagoge. Große Solidarität hingegen gab es unter den Eltern. Aus einem Kindergarten wurde berichtet, dass mehr als die Hälfte der Kinder extra früher abgeholt wurden, um den PädagogInnen die Teilnahme an der Kundgebung zu ermöglichen. Das ist wirklich ein starkes Signal!


Eine Pädagogin bezog auch Stellung zur weit verbreiteten Aussage: „Die Kinder werden immer schlimmer“: „Ich habe es während der Pandemie nun sehr gut erlebt, dass es schlichtweg nicht stimmt. Wir hatten zeitweise nur die Hälfte der Kinder in der Gruppe und alles war wie ausgewechselt. Es war ruhig und ein pädagogisch wertvolles Arbeiten war möglich. Es liegt an den Rahmenbedingungen, an den Gruppengrößen und Personalmangel, dass scheinbar die Kinder immer schlimmer werden!“


Bei der Kundgebung vor dem LDZ (Landesdienstleistungszentrum) Linz, am 21. März waren auch AktivistInnen des Roten Frauenkomitees Linz vertreten, mit einem Schild auf dem ein Zitat von der bekannten Kommunistin Clara Zetkin zu lesen war: „Sollen wir Frauen dem gleichgültig gegenüberstehen? Nein!“ Dieses sorgte für viel Zuspruch. Viele der Beschäftigten ärgerten sich darüber, wie immer wieder durch diverse Gewerkschaftsvertreter betont wurde, dass ihnen Dank und Wertschätzung zustehe. „Unser Beruf, das sieht man auch an den Teilnehmern ganz gut, ist trotz alledem ein Frauenberuf. Und wir Frauen haben uns allzu lange mit ‚Dank und Wertschätzung‘ abspeisen lassen. Das muss sich definitiv ändern und sollte nicht ständig betont werden. Bei keiner anderen Berufspate spielt das beim Arbeitskampf so eine große Rolle!“, so eine Pädagogin. Eine weitere Pädagogin meinte: „Es gehört gestreikt und zwar ohne Notbetrieb – denn es reicht!“


Für viele war klar, dass es damit noch nicht getan ist, dass es mehr braucht als ein paar Kundgebungen und viele Luftballons: „Wir haben das Recht wirklich wütend zu sein und auf unseren Forderungen zu bestehen. Das sollte aber auch in unseren Protesten zum Ausdruck kommen, die unbedingt weiter geführt werden müssen. Kundgebungen die um zwei am Nachmittag festgelegt werden, ohne dass es sich dabei um öffentliche Betriebsversammlungen handelt, sind ein Anfang, aber sicherlich noch nicht das Mittel mit dem wir Erfolg haben werden.“, umriss eine Pädagogin die Perspektive. Die Pädagogin rief auch zu einer Veranstaltung des Arbeiterstammtisches Linz/Steyr auf, unter dem Titel: „Applaus ist nicht genug“. Nun geht es darum sich zusammenzuschließen und weiter zu kämpfen.