Künstliche Intelligenz als Freund(in) und mehr?

(Korrespondenz aus dem Alltag)


Für viele waren die letzten zwei Jahre auf jeden Fall alles andere als eine Zeit der Geselligkeit. Einsamkeit, Isolation, Frust... viele haben das gefühlt. Einige Unternehmen meinen eine Abhilfe gefunden zu haben: die Rede ist von „Chatbots“ (Chat- sich unterhalten; bot- steht für Roboter).


Dabei handelt es sich um Computerprogramme die mit Hilfe von künstlicher Intelligenz mit Menschen Unterhaltungen führen, entweder über Textnachrichten oder Sprache. Während dem Verwenden lernt das Programm dazu. Es merkt sich, was man ihm erzählt wird und „fühlt“ sich in einen hinein. So soll der Anschein erweckt werden, dass eine „emotionale Beziehung“ aufgebaut wird. Es soll sozusagen eine „Roboter-Freundschaft“ entstehen. Das Ganze erinnert vielleicht an einen dystopischen Sciencefiction-Film, in dem Maschinen die Menschheit unterjochen wollen. Davon unabhängig sind konkret zwei Fragen wichtig: Kann so ein Chatbot Einsamkeit lindern? Und wem vertraut man sich da an?


Die Digitalisierung wurde in letzter Zeit vor allem im beruflichen und öffentlichen Bereich vorangetrieben. Sie erweiterte ihren Einfluss aber auch im Wohnzimmer. Dieser Entwicklung gegenüber darf man gerechtfertigt skeptisch sein. Immerhin ist schon seit Jahren bekannt und durch zahlreiche Studien belegt, dass Facebook, Twitter, TikTok und andere „Soziale“ Medien soziale Isolation und Vereinsamung begünstigen. Selbstinszenierung wird auf diesen Seiten ganz groß geschrieben. Wer hat wie viele Likes, Follower, Freunde, die schönsten Fotos,… sozusagen ein Wettbewerb in einer inszenierten Parallelwelt. Vor allem bei Jugendlichen kann das tiefe Narben im Selbstwertgefühl hinterlassen. Ein Zufall? Die „neoliberale“ Weltanschauung (genauer gesagt der Ökonom Milton Friedman) meint, die Gesellschaft sei bloß eine „Summe von Robinson Crusoes“. Jeder ein Einzelgänger, jeder auf sich selbst gestellt und seines Glückes Schmied. Es gibt keine gemeinsamen Interessen, jeder ist ein potentieller Konkurrent. Diese Sicht auf die Welt wird versucht den Unterdrückten aufzudrängen.


Eine weitere relevante Frage ist, was mit den eigenen Daten passieren kann. Erinnern wir uns an den Skandal von Cambridge-Analytica? Daten von Facebook wurden verwendet um zu analysieren wer in den US-Wahlen 2016 noch in seiner Wahlentscheidung beeinflusst werden kann. Diesen Menschen wurde gezielte Werbung mit erfundenen Behauptungen geschickt. Das ist jedoch nicht das einzige Beispiel, wo versucht wurde mit Hilfe von Sozialen Medien gezielt politische Entscheidungen herbeizuführen. Vereinsamung ist vor allem in imperialistischen Gesellschaften keine Seltenheit und nichts Zufälliges. Die Ausbeuterklasse, die eine winzige Minderheit in der Gesellschaft darstellt, weis, dass Solidarität der Unterdrückten eine Bedrohung und ein Hindernis ist.


Für die Unterdrückten und Ausgebeuteten ist das jedoch keine „Bedrohung“, sondern die Solidarität liegt in ihrem Interesse. Jeder Mensch steht mehr oder weniger im Kontakt mit anderen. Diese Realität konfrontiert uns mit Menschen und Zuständen die wir mögen oder auch nicht. Wir erkennen Gemeinsamkeiten, entwickeln Gefühle, lernen dazu. Das ist eine Voraussetzung dafür zu begreifen, dass man gemeinsame Interessen hat mit anderen, zum Beispiel gegen die einseitige Berichterstattung der Monopolmedien, für höhere Löhne, oder leistbare Mieten. Aber um das zu erkennen braucht es auch soziale Interaktion. Mit der Digitalisierung verschwindet die Interaktion zwischen Menschen nicht, aber sie verschiebt sich in ein Feld in dem die herrschende Klasse eine viel bessere Kontrolle darüber hat.


Chatbots sind genauso wie die Digitalisierung in den Händen der Herrschenden Werkzeuge zur Unterdrückung und Ausbeutung des Volkes. Die Digitalisierung verstärkt Isolation und Einsamkeit. Sie kann Ihr nichts entgegensetzen und außerdem wollen die Herrschenden das gar nicht.



Bildquelle: User talking and listening to a virtual assistant, by piqsels, CC0 1.0