Julikämpfe 1927: Berichte einer Zeitzeugin

Aktualisiert: 24. Juli


Dieses Jahr jähren sich die Julikämpfe von 1927 zum 95. Mal. In der bürgerlichen Geschichtsschreibung als „Justizpalastbrand“ festgehalten, war es ein Meilenstein im Kampf der österreichischen Arbeiterbewegung. Nachdem drei Mitglieder der faschistischen Frontkämpfervereinigung, die im burgenländischen Schattendorf bei einer Arbeiterversammlung zwei Menschen erschossen, vom Gericht freigesprochen wurden, setzten sich die Arbeiter Wiens gegen dieses Urteil zur Wehr. Die Arbeiter der Städtischen Elektrizitätswerke legten den öffentlichen Verkehr lahm und zahlreiche weitere schlossen sich dem Streik an. Zehntausende marschierten zum Justizpalast, um gegen dieses Urteil zu protestieren. Johann Schober, der damalige Polizeipräsident ließ die Polizei auf die Demonstranten schießen, was 89 Todesopfer unter ihnen zur Folge hatte. Die Arbeiterklasse trat in diesen Tagen als selbständige Kraft auf und sammelte zahlreiche Erfahrungen für den Kampf gegen den herannahenden Austro- und später Nazifaschismus.


Während dieses wichtige Gedenkjahr in Medien und Politik nicht viel Erwähnung findet, ist es für alle fortschrittlichen und antifaschistischen Kräfte in Österreich von großer Bedeutung. Deshalb freut es uns sehr, folgendes Interview über die Julikämpfe mit einem Leser der „Roten Fahne“ veröffentlichen zu können, das sich den Berichten einer Zeitzeugin widmet.



Die Rote Fahne: Deine Großmutter hat die Kämpfe im Juli 1927 selbst miterlebt, und war an ihnen beteiligt. Wir wollen uns sehr für die Möglichkeit bedanken, ein Interview mit dir zu ihren Berichten aus dieser Zeit führen zu können!

Sehr gerne gebe ich Auskunft über alles was von ihr selbst erzählt wurde, und was ich über sie erfahren und recherchiert habe.



Die Rote Fahne: Könntest du uns deine Großmutter beschreiben? Wie sah ihre Lebensgeschichte aus? Kannst du uns die Verhältnisse beschreiben, aus denen sie stammte?

Meine Großmutter war eine fast zierliche, aber selbstbewusste, energische Frau, welche von klein auf hart arbeiten musste. Geboren wurde sie im damaligen Deutsch-Westungarn (Heutiges Burgenland, Anm.) des Ungarischen Königreiches als ältestes von drei Kindern eines gewerkschaftlich organisierten Bau-Facharbeiters. Spätestens mit elf Jahren war es mit der Kindheit vorbei – der Vater und Ernährer wurde 1914 mit Beginn des ersten Weltkrieges an die Front eingezogen, wo er später in italienische Gefangenschaft geriet. Oma wurde irgendwann zwischen ihrem 11. und 14. Lebensjahr bei einer Nacht- und Nebelaktion über die grüne Grenze ins „Österreichische“ geschmuggelt, um im Niederösterreichischen Wöllersdorf in der Munitionsfabrik zu arbeiten. Eben jene Fabrik, in der im Jahre 1918 bei einer Explosion über 400 hauptsächlich Frauen und Mädchen ums Leben kamen. Als mein Urgroßvater zerlumpt und verwahrlost endlich aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte hat Oma das Haus vor ihm verbarrikadiert. Sie hat den eigenen Vater nicht mehr erkannt. Als Omas Lebensfaden in den 90ern zu Ende ging, war sie schwer dement. Sie hat ihre Kinder nicht mehr erkannt. Aber immer noch schraubte sie Zünder in die Granaten und wurde vom Geruch verbrannten Fleisches verfolgt.

Die Rote Fahne: Wie weit haben diese sozialen Hintergründe, die Lebens- und Arbeitsverhältnisse und die Erfahrungen im Krieg denen der Mehrheit der Bevölkerung im damaligen Österreich entsprochen?

Wie schon gesagt, meine Oma war sehr taff. Und da der Opa wie Hunderttausende „ausgesteuert“ - soll heißen, arbeitslos ohne staatliche Hilfe - war, hat Oma ihre kleine Familie als Hilfsarbeiterin am Bau in Wien durchgebracht.



Die Rote Fahne: Was hat deine Großmutter von den Julikämpfen berichtet?

Nun, meine Großeltern waren mehrfach durch zwei Weltkriege, einen Bürgerkrieg und die Kämpfe im Zusammenhang mit dem Anschluss des Burgenlandes traumatisiert und haben im Allgemeinen mit uns Kindern nicht über die Vergangenheit gesprochen. Einiges konnte ich aber doch durch Nachfragen in Erfahrung bringen.

Es ist leider ungeklärt, ob sich die Oma aktiv an der Organisation der Kämpfe beteiligte, oder nur passiv den Demonstranten anschloss. Beschossen wurde sie von den Schobergardisten aber sehr aktiv. Dass sie hinter einem Denkmal Deckung suchte, hat sie mir erzählt. Für Oma war immer klar, und das wurde bei uns zu Hause auch immer so gesagt, dass das Urteil von Schattendorf reinste Klassenjustiz war!



Die Rote Fahne: Welchen Stellenwert sollte das Gedenken an diesen wichtigen Tag deiner Meinung nach heute einnehmen? Was denkst du würde deine Großmutter dazu sagen?

Die Wichtigkeit dieser Ereignisse als Meilenstein in der österreichischen Geschichte kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Über die Gedanken meiner Oma möchte ich nicht spekulieren. Aber es gibt viele Indizien. Und nicht zuletzt war es meine Großmutter, welche mir im Vorschulalter „Die Internationale“ lehrte.



Die Rote Fahne: Danke für das Interview!







Bildquellen:

Gedenkstätte_Opfer_Juli_1927, by Invisigoth67, CC BY-SA 2.5 via Wikimedia Commons

Friedhof_Winzendorf_3270, by Karl Gruber, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons